DER STANDARD bringt in seier freitag-Ausgabe einen Kommentar zur SPÖ Schwierige Überzeugungsarbeit

Wien (OTS) - SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer muss zuerst seine Partei für sich gewinnen - Katharina Krawagna-Pfeifer =

Es ist alles andere als eine leichte Aufgabe, die
Alfred Gusenbauer übernommen hat. Der knapp 40-Jährige dürfte zwar beim Parteitag Ende April mit einer passablen Mehrheit als neuer Vorsitzender der SPÖ ausgestattet werden. Er übernimmt aber eine Partei, die zwar nach wie vor die stimmenstärkste im Land ist, die aber schon lange vor der Wahl am 3. Oktober erheblich an innerer Substanz verloren hat. Die Wahlniederlage war nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Die Sozialdemokratische Partei, die seit der Zeit, als ihr neuer Vorsitzender gerade zehn Jahre alt war, in ununterbrochener Reihenfolge den Bundeskanzler gestellt hat, wurde zuletzt hauptsächlich durch die Kraft des Faktischen - die Regierungsmacht -mühsam zusammengehalten. Der Rückzug von Viktor Klima aus der Politik ist nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Es wäre allerdings weit verfehlt, Klima allein für die Entwicklung der SPÖ in der jüngeren Vergangenheit verantwortlich zu machen. Vielmehr scheint das eingetreten zu sein, was der Erste in der Reihe der SPÖ-Kanzler, Bruno Kreisky, bei seinem Amtsantritt 1970 in Richtung seiner Parteifreunde formuliert hat: "Ich bin der festen Überzeugung, dass, wenn wir mit der Macht nicht mehr anfangen können, als sie lange zu praktizieren, es uns recht geschieht, wenn wir sie wieder verlieren. Unsere Machtposition muss moralisch determiniert sein. Wir müssen nicht die Macht an sich wollen, sondern wir müssen sie wollen, um unseren Zielvorstellungen näher zu kommen... Ich behaupte, dass es nichts Beängstigenderes gibt als die lange Herrschaft einer Partei, die in Routine und Administration erstarrt."

Genau das ist mit der SPÖ geschehen. Viele Funktionäre haben sich dem Mehrwert der Macht verschrieben und nicht im Entferntesten daran gedacht, ihn zu verteilen. Daher ist die Aufgabe Gusenbauers eine ungleich schwierigere als jene seiner Vorgänger. Der Senkrechtstarter ohne Exekutiverfahrung muss sich erst eine Basis bauen, um agieren zu können. Als Chef der größten Oppositionspartei wird das neben der Löwelstraße zwangsläufig der Parlamentsklub sein. Hier wird sich in den kommenden Jahren Politik abspielen.

Alfred Gusenbauer kommt dabei zugute, dass seine Partei der schwarz-blauen Regierung die Verfassungsmehrheit gewähren oder verweigern kann. Und die Koalitionsregierung Wolfgang Schüssel/Jörg Haider wird sich mehrmals darum bemühen müssen.

Dies ist auch einer der Gründe, warum die Wiener Finanzstadträtin Brigitte Ederer, die bis zuletzt als ernsthafte Favoritin für den SPÖ-Vorsitz gehandelt wurde, nicht zum Zug gekommen ist. Denn selbstverständlich stimmt der Satz von Barbara Prammer: "Die SPÖ ist reif für eine Frau." Ederer hätte im Fall ihres Antretens aber nicht einmal über eine strategische Position im Parlament verfügt, weil sie bei der Nationalratswahl auf keiner Liste gereiht wurde. Dazu kommt, dass zwar die Führungsschicht der Sozialdemokraten mittlerweile begriffen hat, dass ohne Frauen kein Staat mehr zu machen ist. Viele an der Basis sind davon aber noch längst nicht überzeugt.

Wie überhaupt auf den jüngsten Parteichef, den die SPÖ je hatte, in vielfacher Hinsicht Überzeugungsarbeit zukommt. Der Richtungsstreit in der SPÖ, für den die Namen Karl Schlögl und Caspar Einem stehen, ist noch längst nicht beigelegt. Der Konflikt wird spätestens dann wieder aufleben, wenn es darum geht, den Kanzlerkandidaten für die nächste Nationalratswahl zu küren. So sich die schwarz-blaue Koalition wegen Inkompetenz und prinzipieller Unvereinbarkeiten nicht selbst in die Luft sprengt, dürfte es bis dahin aber noch eine Weile dauern.

Alfred Gusenbauer, der klassische Kompromisskandidat und politischer Pragmatiker, könnte bis zu diesem Zeitpunkt in die Rolle hineingewachsen sein, die ihm jetzt mit Sicherheit noch um einige Nummern zu groß ist.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/0

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS