Überwachen und Strafen Die Geburt des Gefängnisses... oder... das unendlich Kleine der politischen Gewalt (Michel Foucault)

Wien (OTS) - Wir befinden uns in einer Zeit, in der die "Macht der Überwachung" ihr bisher unsichtbares Gesicht wieder entblößt. Wir überwachen mit tausend Sätzen, tausend Handlungen die Macht der neuen politischen Gewalt und bemerken dabei kaum, wie uns diese Gewalt in ein Gefängnis treibt, das wir uns selbst errichten.

Der als Widerstandshandlung geforderte Verzicht auf erkämpfte, über lange Zeit erarbeitete Territorien führt nicht dazu, etwas an der herrschenden parteipolitischen Situation zu ändern, sondern genau dazu, daß diese Territorien nun von anderen vereinnahmt werden. Damit arbeiten wir jenen zu, die jahrzehntelang geführte, intensive, emanzipatorische Kulturauseinandersetzung und die jahrelang entwickelten kritischen, kulturpolitischen Prozesse zerstören und desavouieren wollen. Es wäre Resignation gegenüber einem reaktionären Kulturkampf wie ihn die FPÖ betreibt, siehe z.B. der jetzt abfällige Umgang dieser Partei mit dem international renommierten Ingeborg Bachmann Preis.

Die bereits seit längerem vorhandenen Tendenzen zur Eliminierung von kunst- und gesellschaftspolitischen Territorien wie die Abschaffung des Kunstministeriums durch die vorhergehende Regierung und die Abschaffung des Frauenministeriums durch diese Regierung zeigt, daß parteipolitische Machtstrategien und ein Desinteresse an innovativen Gesellschaftsprozessen das Bild und die Inhalte von Kultur und Gesellschaft bestimmen wollen. Was wird als nächstes abgeschafft. Das Feld der freien Forschung und Wissenschaft? Kultur und Gesellschaft, soziokulturelle Inhalte werden durch die Szenerien von wechselnden parteipolitischen Machtkämpfen und Ideologien bestimmt.

Jedes Aktionsfeld, das wir freiwillig verlassen, wird vereinnahmt werden und künftig den Kunst- und Kulturvorstellungen der Vertreter der neuen Regierung dienen. Der Akt des gezielten Boykotts darf nicht übergehen in einen Akt des Verzichtes, der charakterisiert wäre von Resignation und indirekter Selbstzensur.

Der Oskar Kokoschka-Preis symbolisiert mit dem Namen des Künstlers die Zeit der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Kunstpolitik, in der - Künstler- und Künstlerinnen verfolgt und künstlerische und kulturelle Leistungen diskriminiert und eliminiert wurden. Der Oskar Kokoschka-Preis markiert ein symbolisches Feld für die Kunst, Künstlerinnen und Künstler und die Gesellschaft, er symbolisiert Kritik und Analyse.

So hoch ich die Anerkennung bewerte, die mit der Verleihung des Oskar Kokoschka-Preises aufgrund der Entscheidung einer unabhängigen Jury meinem künstlerischen Werk zugedacht wurde, so wenig ist es mir möglich, diese Auszeichnung von einem Mitglied der gegenwärtigen Regierung entgegenzunehmen.

Kunst hat und hatte für mich immer die wichtige Aufgabe für das andere, auch für das uns fremd erscheinende, feinfühlig, und offen zu machen. Der Widerstand gegen Diskriminierung und Ignoranz zählt für mich zu den starken Energiequellen für meine künstlerische Arbeit.

Für diese Haltung und die daraus entstandenen Arbeiten von einem Mitglied einer Regierung, die aus machtpolitischen und, opportunistischen Gründen das Andere diskriminiert und somit auch kunstfeindliche Positionen vertritt, eine Auszeichnung entgegenzunehmen, ist mir nicht möglich, ist mir ein unerträglicher Gedanke.

Der Oskar Kokoschka-Preis, den ich nur unter der Bedingung entgegennehmen kann, daß er mir ausschließlich von der Jury, die sich für diese Auszeichnung an mich ausgesprochen hat, aber nicht von einem Mitglied der Regierung, übergeben wird, hat für mich einen hohen symbolischen Wert. Das damit verbundene Preisgeld ist Baustein für eine Initiative, die ich auch als mein künstlerisches Projekt zum Oskar-Kokoschka-Preis sehe, und die sich der "medialen Analyse faschistoider Politik widmen wird (*). Nicht nur die Schrift und das gesprochene Wort, auch die Bilder, die Werbe- und Mediensprache sollen Gegenstand der Untersuchung sein. Dafür bedarf es der Mitarbeit von Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die gegen die politische Manipulation und die manipulative Konstruktion von Lüge und Wahrheit in den Bild- und Informationstechnologien arbeiten werden: gegen das praktizierte Ritual der Lüge, mit dem wir täglich konfrontiert werden.

(*) Anregungen dazu verdanke ich Sabine Breitwieser und Silvia Eiblmayr.

ergänzender Hinweis:

Am 16.02.1999 hat mir Herr Dr. Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien und Vorsitzender der Jury des Oskar Kokoschka-Preises, telefonisch zugesichert, daß der Preis -entsprechend meiner Bedingung - ausschließlich durch ein Mitglied der Jury überreicht wird. Die Preisverleihung findet am 1.März 2000 statt.

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