"Die Presse" Kommentar: "Aufatmen in der CDU" von Andreas Schwarz

Ausgabe vom 17. 2. 2000

Wien (OTS) - Es geht ein Aufatmen durch die CDU, wenn nicht durch Deutschland: Nach Monaten der Diskussion um Schwarzgelder und schwarze Konten, nach dem schwarzen Dienstag, an dem die Partei die erste Rechnung dafür präsentiert bekam, hat Wolfgang Schäuble quasi die weiße Fahne gehißt: Er ist der zunehmend ausweglosen Lage und des Kesseltreibens auch innerhalb der CDU müde und beugt sich der Einsicht, daß ein Neuanfang mit ihm als Altlast nicht möglich ist. Daß der an den Rollstuhl gefesselte Kohl-Erbe trotz seiner hohen Intelligenz aus vielen Gründen nicht der Mann ist, mit dem die CDU dem Populisten Schröder die Kanzlerschaft wieder abjagen kann, hat der Partei wohl seit längerem gedämmert. Spätestens seit Ausbruch der Parteispenden-Affäre war das unumstößlich klar. Aber als eine Art Konkursverwalter, der den mühsamen Aufklärungsprozeß in der Partei voranbringen und abschließen hätte sollen, auf daß eine künftige Führung nicht schon angekleckert ins Rennen gehen muß, dafür hätte Schäuble noch dienen können.

Die sich überschlagenden Ereignisse, die unglückliche Rolle Schäubles selbst, die immer größer werdende Zahl interner Heckenschützen und die Panik vor den bevorstehenden Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben Schäuble die Zäsur vorziehen lassen. Und jetzt? Die CDU, von künftigen Strafen wegen der Spenden-Affäre bald in ihrer Existenz bedroht, kann neu beginnen. Aber mit wem? Ob Bernhard Vogel (will zur Zeit eh nicht) den nötigen Schwung oder Angela Merkel die nötige integrative Kraft symbolisieren, darf bezweifelt werden. Vielleicht besinnt man sich anderer Hoffnungsträger, die (hoffentlich) nicht wie Roland Koch in Hessen an chronischer Selbstüberschätzung leiden und selbst Leichen im Keller haben. Nur: Sie starten mit der Altlast, aufklären zu müssen - Distanzieren allein wird nicht reichen. Und sie starten mit der Bürde, eine CDU zu übernehmen, der Werte wie Anstand, Rechtsstaat und Glaubwürdigkeit momentan kaum abgenommen werden.

Das Aufatmen über den Neuanfang ist also verständlich. Für Erleichterung aber ist es noch viel zu früh.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef vom Dienst
Tel.: 01-51414-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/OTS