"Kurier" Kommentar: Von der Hysterie zu den harten Fakten. Über die "Normalisierung" des Ausnahmezustands (von Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 15.2.2000

Wien (OTS) - Die grob gestrickten, ihrerseits populistischen Strategien von Moralisierung und Dämonisierung haben versagt", bekennt Der Spiegel in seinem dieswöchigen Bericht über Haider und die Medien.

Tatsächlich hat der geballte Blödsinn vieler internationaler Berichterstatter einen Effekt, den seine Urheber nicht wollten:
Haider wird erst richtig groß gemacht, und kleinlaut müssen diese Gegner jetzt eingestehen, dass sie nicht mehr weiterwissen. Besonders drollig ist der Stimmungswandel in der französischen Presse. Voll Angst, Arroganz und Ahnungslosigkeit spielten einflussreiche Blätter wie Le Monde, L'Express oder Liberation die Widerstandskämpfer gegen "Hitler-Waldheim-Haider". Der "braune Wiener Walzer", Neofaschismus und Totalitarismus müssten sofort gestoppt werden, tönte es vergangene Woche aus Paris.

Neuerdings herrscht Katzenjammer: "Die EU sitzt in der Falle, ihre Strategie ging schief", klagte am Wochenende die linke Libe´ration; man könne Österreich nicht ausschließen, weil die Regierung keine Handlungen setze, die diesen Schritt rechtfertigen würden. Le Monde kann es nicht fassen, dass FPÖ-Sozialministerin Sickl bei ihrem ersten Auftritt im EU-Ministerrat durchaus zivilisiert wirkte ("kaum zu glauben, dass sie der Partei von Herrn Haider angehört"). "Eine hysterische Überreaktion" nennt das US-Magazin Newsweek die hirnlos-hitzigen Attacken gegen die neue Regierung. Also: Brand aus -alles gerettet? Wer glaubt, dass in absehbarer Zeit Entwarnung gegeben werden kann, unterliegt einem Irrtum. Nach den großteils überzogenen Reaktionen kommt nun die Phase des kalten Realismus, der für Österreich ebenso unerfreulich wird. Die EU-Partner wollen mit einer Partei wie der FPÖ nicht an einem Tisch sitzen. Der Boykott wird fortgesetzt - gemäßigt im Ton, hart in der Sache. Die Auswirkungen sollte man nicht unterschätzen. Sie werden politisch wie wirtschaftlich fühlbar, denn keinem Land tut es gut, wenn es ein Paria der Staatengemeinschaft ist. Das ist der äußere Faktor für die Instabilität von Schwarzblau. Ebenso problematisch ist das Innenleben dieser Regierung. Mehrere neue Mitglieder sind, wie ihre ersten Auftritte bereits gezeigt haben, Laienspieler in Hauptrollen. Es muss bezweifelt werden, dass sie ihren Aufgaben gewachsen sind. Auch Profis hätten ihre Schwierigkeiten mit den Bürden, die SPÖ und ÖVP hinterlassen haben. Drittens, Haider: Der Kärntner hält es nicht aus, wenn er nicht im Mittelpunkt steht, und feuerte gestern erste Querschüsse Richtung Wien ab.

Die flehentlichen Bitten der ÖVP, auf Haider nicht zu hören, werden auf Dauer nichts nützen. Wenn er droht, Regierungsvorhaben zu verhindern, muss sich Schüssel dieser Herausforderung stellen. Es ist wohl nur eine Frage kurzer Zeit, bis dieser Machtkampf offen ausbricht.

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