"Neue Zeit" Kommentar: Ausgeliefert (von Josef Riedler)

Ausgabe vom 10. 2. 2000

Graz (OTS) - Mancher, der gestern die Gelegenheit hatte, ein Stück der Parlamentsdebatte im Fernsehen zu verfolgen, mag recht überrascht gewesen sein: Was man da erlebte, war eine SPÖ, wie man sie seit Jahren nicht gekannt hat und wie sie die Jüngeren in unserem Land nie kennen gelernt haben. Klar in der Sprache, temperamentvoll, manchmal sogar aggressiv, ohne falsches, schonungsvolles Verständnis für irgend eine andere Parlamentsfraktion, und schon gar nicht für die Regierung. Kurz, die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Nationalrat wirkten glaubhaft, weil sie so sein durften, wie sie sind. Mancher dieser Redner vermittelte den Eindruck seelischer Erleichterung, weil er nicht mehr auf einen Koalitionspartner Rücksicht nehmen musste, weil er Kompromisse nicht mehr vertreten musste, als wären sie seine eigene höchstpersönliche Meinung. Die immer wiederkehrenden Hinweise der ÖVP auf die angebliche Qualität jenes Paktes, den die SPÖ unter dem Druck der ÖVP-Unterhändler nahezu schon ausverhandelt hatte, diese Hinweise lassen ahnen, dass die Sozialdemokraten nur knapp einer politischen Katastrophe entgangen sind. Sie wären jedem Wunsch der Schüssel-VP ausgeliefert gewesen, ihre erster Regierungstag wäre der Anfang ihres Endes gewesen.

So aber können die Sozialdemokraten, befreit von der Last erzwungener und falscher Kompromisse, wieder verlorene und neue Sympathien gewinnen. Und ausgeliefert ist die ÖVP - einem gnadenlosen Gegner, den sie dummerweise für einen honorigen Partner hält.

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