Künstler-Blockade: Tabori, Saramago, Marias, Israel Philharmonic

meiden Österreich Vorausmeldung NEWS 6/00 vom 10.2.00 UT.: NEWS-Kommentare zur Lage von Peymann, Goldhagen, Hochhuth,

Wien (OTS) - Doris Lessing, Noah Gordon, Lily Brett u. a.=

Das Embargo der Künstler gegen Österreich verschärft
sich, wie aus der morgen erscheinenden Ausgabe des Wochenmagazins NEWS hervorgeht: Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago und der spanische Autor Javier Marias erklären, Österreich während der Zeit der FP-Regierungsbeteiligung nicht mehr zu betreten. Der Regisseur und Autor George Tabori wird in Österreich nicht mehr inszenieren.

Das Israel Philharmonic Orchestra erklärt: "Die israelische Regierung hat als Folge der politischen Ereignisse den Botschafter aus Österreich zurückgerufen. Da wir das israelische Nationalorchester sind, ist es nur angemessen, der Politik unserer Regierung zu folgen." Zusatz unter Hinweis auf die bisher ausgezeichneten Beziehungen: "Wir schließen uns der freien Welt mit der Hoffnung an, dass sich die Umstände ändern." Von der Maßnahme betroffen sein könnte ein geplantes Gastspiel des Orchesters bei den Salzburger Festspielen des Jahres 2003.

José Saramago, Literaturnobelpreisträger aus Portugal, übermittelte NEWS folgenden Kommentar: "Die pseudo-demokratischen Verlautbarungen, die Herr Haider von sich gegeben hat, erinnern mich an Hitlers Worte 1936. Er sagte ,Deutschland ist nur darauf bedacht, innerhalb des Friedens zu arbeiten. Die Welt soll wissen, dass Deutschland friedlich sein und den Frieden lieben wird, wie noch nie ein Volk ihn geliebt hat.ë Drei Jahre später kannte die Welt die wahre Bedeutung dieser Worte. Man wird sagen, die Zeiten hätten sich geändert, und ich werde sagen, dass sie sich noch nicht ausreichend geändert haben. Aber die größte Gefahr liegt nicht in der Existenz dieser Partei, sondern in der Tatsache, dass etwa 30 % der österreichischen Wähler für Haider gestimmt haben. Gegen wen sind die Österreicher, dass sie so gewählt haben? Und für was? Sind sie gegen die Ausländer? Sind sie für den Hass, die Intoleranz? Ist es möglich, dass erneut ein zivilisiertes, kultiviertes Volk für Intoleranz und Hass ist? Ich war vor kurzem in Salzburg. Es waren glückliche Stunden meines Lebens, aber wenn diese Partei einen Platz in der Regierung einnimmt, werde ich nicht wiederkommen."

Auch Javier Marias meidet Österreich, wie er in NEWS bekannt gibt:
"Aus persönlicher Abscheu vor seiner Regierung werde ich Österreich nicht besuchen. So wie ich Chile nicht besuche, solange die gewählte Regierung Pinochets Freilassung und Heimkehr unterstützt. Hauptgrund meiner Sorge ist nicht, dass die FPÖ in der Regierung ist, sondern dass genügend Österreicher für diese Partei gestimmt haben und es wieder tun würden. Das Phänomen eines ,kollektiven Wahnsinnsë (Deutschland 1930) oder einer ,gemeinsamen selbstmörderischen Haltungë (Venezuela zurzeit) ist nicht unbekannt."

George Tabori wird in Österreich nicht mehr inszenieren: "Ich bin froh, dass ich mit Peymann nach Berlin gegangen bin. Ich war hier sehr glücklich, aber in einem Land, in dem Haider Regierungsgewalt hat, inszeniere ich nicht. Ich werde mich wohl bald zur Ruhe setzen."

Kommentare zur Lage

In derselben NEWS-Ausgabe melden sich namhafte Künstler und Intellektuelle zur Lage.

Claus Peymann: " Bernhard hat sich mit seinen Warnungen vor einem neuen Faschismus und Antisemitismus lächerlich gemacht. Elfriede Jelinek wurde als Hysterikerin gebrandmarkt. Ich bin als eine Art Narr durch die Gegend gerannt. Jetzt erweist sich alles, was wir gesagt haben, als richtig. Man hatte während der letzten 15 Jahre das Gefühl, alles sei unter dem Teppich. Jetzt kommt es hervor. Begünstigt wird das durch eine junge Generation, die das Gefühl hat, es sei alles easy. Wobei ich die fast beneide. Es ist ja mühsam, immer so sorgenvoll durch die Gegend zu gehen. Wir stehen vor der Erkenntnis, dass die Demokratien offenbar nicht tragfähig und die Menschen schlecht sind. Ich denke, dass wir einen kritischen Augenblick in der Nachkriegsgeschichte erreicht haben. Es geht um die Erfindung und Neuinstallation eines Wertesystems, von dem aus wir uns orientieren können. Wenn das nicht passiert, sind alle Türen offen für alles. Auch für das Gefährlichste, was man sich vorstellen kann. Ich wusste das schon seit längerer Zeit. Meine ewige politische und moralische Position wurde als anachronistisch oder als PR-Wahn interpretiert. Ich denke, ich habe Recht behalten. Die Zeit der Träumer, Weltverbesserer und Moralisten ist vorbei. Eine Zeit lang hatten dann die Zyniker das Sagen, und das dauert noch an. Jetzt erkennen wir, dass wir in unseren Demokratien genauso betrogen wurden wie zur Nazi-Zeit. Ich finde das einen unheimlichen Niedergang. Das ist für einen Sechzigjährigen, der den Antifaschismus und den Pazifismus mit der Muttermilch aufgenommen hat, ein ziemlicher Schock. Die Zeiten rasen dahin. Dem Zusammenbruch der sozialistischen Träume entspricht jetzt der rasante Niedergang des so genannten westlichen demokratischen Systems. Das ist durchaus gleichzusetzen. Die Frage ist: Wer tritt in das Vakuum?"

Rolf Hochhuth: "Die vehementen Angriffe des Auslands sind nur Wasser auf die Mühlen von Herrn Haider. Zu Recht will sich kein Volk sagen lassen, wen es zu wählen hat. Die Boykottdrohungen von Künstlern finde ich ekelhaft, anmaßend und empörend."

Doris Lessing: "Jeder, der die Zeit Hitlers erlebt und gesehen hat, welche Leiden durch Doktrinen wie die des Herrn Haider ausgelöst wurden, kann seine Akzeptanz durch einige Teile der österreichischen Bevölkerung nicht anders als mit Besorgnis sehen."

Noah Gordon: "Jedes Land hat seinen Anteil an Extremisten, aber es ist ein Desaster, wenn diese Leute Teil des Establishments werden, das die Zukunft des Landes bestimmt. Mit einem kalten Hauch von Déjà-vu beobachten die Regierungen dieser Welt, was in Österreich passiert."

Meir Shalev: "Ich bin zornig, es ekelt mich, aber ich werde Österreich nicht boykottieren. Auch die Regierungen sollen ihre Botschafter wieder zurückschicken. Es ist jetzt wichtig, dass ich den Österreichern sage: Ich lebe im höchsten jüdischen Sinn ? schreiben und erinnern."

Leon de Winter: "Ich werde mit den 73 Prozent der Österreicher, die Haider nicht gewählt haben, weinen, bis meine Tränen getrocknet sind. Und ich werde gerne weiter nach Österreich kommen, solange es Juden erlaubt ist, das Land zu betreten und wieder zu verlassen. Ich freue mich, all die wunderbaren Österreicher wieder zu sehen, die meine Freunde sind."

Konstantin Wecker: "Ich finde es gut, dass Österreich politisiert wird und dass es wieder Demonstrationen gibt. Wegbleiben? Nein. Ich spiele meine Konzerte für die 73 % Unanständigen und Faulen, die nicht zu Haiders fleißiger und anständiger Klientel zählen."

Albert Finney: "Die Frage ist, ob der Boykott nicht Unschuldige trifft. So wie damals, als in Südafrika die Apartheid herrschte und die Sanktionen die Ärmsten trafen."

Einen ausführlichen Kommentar verfasste für NEWS der bedeutende amerikanische Holocaust-Forscher Daniel Goldhagen: "Jede politische Partei, die von jemandem geführt wird, der zentrale Aspekte des Nationalsozialismus als modellhaft deklariert, so wie es Haider mit der "Beschäftigungspolitik" getan hat; und jeder, der dieses Regime, das durch Eroberungskriege und Massenmorde definiert ist, wiederholt als Beispiel bringt, sollte als ungeeignet für die Regierung eines demokratischen Landes angesehen werden. Haiders Aussagen, die das Nazitum unterstützen, sind kraftvoll und ernst gemeint ? seine 'Entschuldigungen' hingegen schwach und pure Taktik. Was in ihm vorgeht, ist klar: Bewunderung eines totalitären Regimes, das er nachahmen möchte, indem er seine Politik des Hasses zur Politik des Landes macht. Es ist sicher das Recht Österreichs, ihm und seiner fremdenfeindlichen Partei eine Hand an der Quelle der Macht zu lassen. Aber Österreich muss auch verstehen, dass es das Recht anderer Länder ist, wenig mit solch einer Regierung und solch einem Land zu tun haben zu wollen. Österreicher, die Haider ablehnen, sollten den internationalen Druck willkommen heißen ? als Verbündeten gegen jede Politik des Hasses."

Und die Autorin Lily Brett, Tochter von Holocaust-Überlebenden: "Es fällt mir schwer, vom Gespenst eines jungen Mannes aus einer kleinen österreichischen Stadt nicht beunruhigt zu sein, der die Macht einer kleinen politischen Partei in die Gefahr einer großen Katastrophe für uns alle verwandelt. Ich fühle mich Österreich und den Österreichern eng verbunden. Ich habe in zwei Jahren vier Lesereisen in Österreich unternommen und bin vielen meiner Leser begegnet. Ein Teil von mir möchte weinen, wenn ich Schlagzeilen über Haider lese, und ein Teil möchte sich winden, als hätte meine eigene Familie mir das angetan, als träte sie für eine Partei ein, die für den Hass eintritt. Wie die Kinder aller, die Todeslager der Nazis überlebt haben, weiß ich, was Hass bewirkt. Ich weiß um die Gefahr, die es bedeutet, eine Partei an der Macht zu haben, die glaubt, manche Menschen seien mehr wert als andere. Ich würde Österreich aber auch besuchen, wenn die FPÖ an der Macht wäre. Ich würde meine Freunde nicht im Stich lassen. Im Gegenteil würde ich nach Wien fahren, um zu zeigen, dass ich zu ihnen stehe. Außerdem wäre meine Abwesenheit ein weiterer Beweis von Haiders Erfolg. Er will, dass ich und Leute wie ich wegbleiben."

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