Republik in Erregung

Deeskalation ist das Losungswort der Saison
(Von Hans Köppl)

Auch wenn es alle schon geahnt haben wollen und längst davor gewarnt haben: So wie es kam, hat es dennoch viele unerwartet getroffen. Einen solchen Regierungswechsel mochte sich wohl niemand wünschen. Gerade die nicht, die immer noch Betroffenheit über die Vorgänge fühlen, die sich in diesen Tagen abspielen.
Viele haben sich Veränderung gewünscht, sich nach einem frischen Wind gesehnt, nach Sturm war ihnen jedoch nicht zu Mute. Jetzt ist er über das Land hereingebrochen. Die Republik hat Erregung erfasst. Täglich wird demonstriert, Spontanaktionen, die übers Handy organisiert werden, zu Beginn noch untersetzt mit gewaltbereiten Spontis. Gewerkschaften suchen ihnen willkommene Anlässe zum Protest auf der Straße.
Das Losungswort der Saison lautet Deeskalation, ein Begriff aus dem Vokabular der Militärstrategie: Herabstufung der eingesetzten (militärischen) Mittel. Weit sind wir gekommen im demokratischen Musterland des sozialpartnerschaftlichen und sozialfürsorglichen Friedens.
Wenn wir aber nun schon einmal dabei sind, dann soll diese Herabstufung auf den Boden der demokratischen Normalität auf allen Seiten erfolgen. Hier sind vor allem die Freiheitlichen gefordert, denn sie sind verantwortlich für die Aufladung mit Ressentiments hüben und drüben. Jörg Haider sollte endlich aufhören, sich als Sprecher der Nation zu gerieren. Es mag vielleicht vielen gefallen, wie er einen selbstgefälligen TV-Moderator zur Schnecke macht, dem Staat Österreich ist damit nicht gedient. Je rascher der Regierungsmannschaft die thematische Emanzipation von ihrem Obmann gelingt, umso besser kann es nur sein für dieses Land.

Den geänderten Verhältnissen anpassen sollten sich auch die Haider-Gegner. Natürlich ist es verlockend, jetzt die Freiheitlichen bei ihren unsäglichen Sagern von früher zu packen, und es ist gut so, auf diese Weise den Unterschied zwischen Oppositionsansage und Regierungsverantwortung herauszuarbeiten. Damit kann man Haider sowieso bei jeder Gelegenheit aufplatteln, wie auch andere FPler, die sich irgendwann einmal semantisch verheddert haben. Wünschen würde man sich da, könnte einer von ihnen einmal so richtig befreiend sagen: ãDa habÕ ich einen Blödsinn dahergeredet, damals, heute weiß ichÕs besser.Ò Freilich, wünschen würde man sich in dieser Atmosphäre der eskalierten Gefühle so manches. Auch, dass halt nicht unbedingt immer wieder provoziert werde.

So schwer es fällt, die eingetretene Veränderung der politischen Topographie zu akzeptieren, so wichtig es ist, mit Altlasten ins Reine zu kommen, so notwendig wäre jetzt, zur Sache zu kommen, das heißt, Sachpolitik zu betreiben Ð und sie auch betreiben zu lassen. Das wäre Deeskalation im Interesse des Landes. Signale dafür sind auch im Ausland zu erkennen. An anhaltender unerbittlicher Isolationsfolter ist dort niemand wirklich interessiert.
Die Chance, zu demokratischer Normalität zu finden, ist vorhanden, ob sie wirklich ergriffen wird, hängt freilich von zahlreichen Unwägbarkeiten ab.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion
Tel.: 0732/78 05/400österr. NachrichtenOÖ Nachrichten

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OON/OON