"Die Presse"-Kommentar: "Warum uns keiner lieb hat" von Andreas Schwarz

Ausgabe vom 9.2.2000

Wien (OTS) - Mit solch einer Aktion, so hat die neue Außenministerin im Gespräch mit dieser Zeitung über den Blockadebeschluß der EU-14 gesagt, mit solch einer Aktion habe man wirklich nicht rechnen können. Und während sie sich emsig bemüht, unter der Erschwernis der eingefrorenen bilateralen Kontakte das in Europa zerbrochene Porzellan wieder zu kitten, fragt sich der Beobachter, wie es denn überhaupt zerbrechen konnte. Wo sich doch die österreichische Politik und Diplomatie stets ihrer außergewöhnlich guten Kontakte zu den Europäern rundum gerühmt hat. Oder waren sie doch nicht so gut?

Der Mär von den ehedem so brillanten Beziehungen liegen zwei grundsätzliche Mißverständnisse zugrunde. Mißverständnis eins: Die Kontakte waren tatsächlich nie so außergewöhnlich, wie behauptet. Wenn der frühere Außenminister Wolfgang Schüssel über Treffen mit europäischen Politikern berichtete (Stehsatz: "Wir haben ein sehr gutes Gespräch gehabt"), wenn er mit Ministerkollegen bergsteigen und mit EU-Spezialisten skifahren ging, wenn er mit "befreundeten" Ministern im Konzert saß oder gerade ein Telephonat mit "meinem Freund" soundso geführt hatte, dann war das der ganz normale Umgang, wie er unter Staaten mit halbwegs intakten Beziehungen gepflogen wird, im geeinten Europa zumal.

Selbstverständlich "verkauft" ein Außenminister solche Kontakte (und sich) als "hervorragend", selbstverständlich stellt jemand, der beispielsweise den EU-Vorsitz innehat, seine Rolle und die seines Landes dar, als wär's der Mittelpunkt der Welt.

Ist es aber nicht, und daran ist grundsätzlich auch nichts Schlechtes. Nur wenn die vermeintlichen "Freunde" dann in Situationen wie der gegenwärtigen nicht beispringen (von wenigen Ausnahmen abgesehen), herrscht Staunen. Wobei der Hinweis, daß die Freunde von einst ja oft nicht mehr in den europäischen Regierungen vertreten sind, weil diese eher vom linken Spektrum gestellt werden, nicht alles erklärt: Wolfgang Schüssel wurde auch von vielen seiner christdemokratischen "Freunde" in der EVP im Stich gelassen.

Das zweite, noch viel grundsätzlichere Mißverständnis beruht auf dem in Österreich gerne verbreiteten Irrtum, daß alle Welt uns einfach lieb haben muß. Mozart und unsere unwiderstehlichen Ski-Rennläufer, der Opernball und die Alpen, Dagmar Koller als Stadl-Export rund um die Welt - kann ein Volk, das solches hervorbringt, so verkannt werden? Dieser Irrtum ist lange Zeit auch durch Politiker verstärkt worden, die Österreich gerne als Brücke, was heißt Brücke: als die Drehscheibe zwischen Ost und West dargestellt haben, als letztere noch im Kalten Krieg lagen - nur, daß Österreich diese Rolle in der Realität absolut nie inne hatte.

Die selbst zu groß angemessenen Schuhe, in denen Österreich schwimmt, nehmen sich in der Rezeption durch das Ausland ganz anders aus: Über die Alpenrepublik ist von der Substanz her im Ausland wahrscheinlich so viel bekannt wie in Österreich über Portugal, Kolumbien oder Burundi. Und im Falle Austrias läßt sich das, wenn es nicht ohnehin von Känguruhs überdeckt wird, reduzieren auf die Schlagworte Hitler und Musik, allenfalls Waldheim noch. Warum soll man uns also, wenn dieses Basis-Unwissen durch (auch von Österreich ausgestreute) Fehlinformationen in den Medien, durch Überheblichkeiten österreichischer Vertreter da und dort und durch die notorische Selbstbeschau der Österreicher noch verstärkt wird, lieb haben? Warum sollen die Beziehungen zu uns besser sein als zu Staaten wirklicher Relevanz? Und warum soll die im allgemeinen als unsympathisch eingestufte Eigenschaft der Selbstüberschätzung just im Falle Österreichs als angenehm empfunden werden?

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