"WirtschaftsBlatt" über Haider: Jetzt soll Jörg Haider 100 Tage schweigen (von Erwin Frasl)

Ausgabe vom 8.2.2000

Wien (OTS) - Jede Regierung verdient eine Schonfrist. Das gilt
auch für die neue VP/FP-Regierung. Das sollten alle Politiker in Österreich respektieren - auch Jörg Haider selbst. Den besten Dienst, den der Landeshauptmann von Kärnten und Parteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs seiner Partei und der Koalitionsregierung erweisen kan: Er selbst soll während einer Schonfrist von 100 Tagen schweigen. Das mag auf den ersten Blick ungerecht erscheinen - wer allerdings in der Vergangenheit so oft Menschen mit seinen Worten verletzt hat, dem kann im Dienste der De-Eskalation der politischen Lage in Österreich und in Europa durchaus zugemutet werden, sich selbst dann zurückzuhalten, wenn er einmal in ungerechter Weise angefeindet würde. Denn eines ist klar:
Die politischen Gegner Haiders im In- und Ausland werden alles unternehmen, um ihn zu unbedachten Äusserungen zu provozieren. Manche Kritiker wollen nicht einen einsichtigen Haider, sondern einen, der ihnen die Bestätigung dafür liefert, dass er aus der dunklen Vergangenheit Österreichs nichts gelernt hat. Den Medien garantiert ein Haider, indem er europäische Politiker attackiert oder sich nur halbherzig zur Verurteilung der Nazi-Greuel bekennt, allemal höhere TV-Einschaltquoten und Zeitungsauflagen als ein Haider, der auf Attacken aus dem Ausland besonnen reagiert und die Schandtaten der Nazis ohne Wenn und Aber verurteilt, d.h. sich schlicht und einfach normal verhält. Für diese Normalität muss Haider den Beweis antreten. 100 Tage Schweigen und Nachdenken, ungeachtet aller Polemiken seiner politischen Gegner, könnten Haider helfen, dem politischen Schwelbrand in diesem Lande die Nahrung zu entziehen. Und das ist eine der Voraussetzungen für eine Rückkehr zur Normalität. Die andere Voraussetzung für Normalität besteht darin, dass die österreichische Opposition die politische Auseinandersetzung mit ÖVP und FPÖ ausschliesslich im Parlament führt und nicht auf der Strasse, so wie dies etwa vergangenen Freitag vor dem Bundeskanzleramt in Wien der Fall war. Denn es wäre ein Armutszeugnis für das österreichische und auch das europäische Parlament, wenn man die Strasse benötigt, um die Wähler in Europa von der Achtung der Menschenrechte und der Absage an Radikalismus zu überzeugen. ejf

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