DER STANDARD bringt in seine Samstag-Ausgabe einen Kommetar zum Ende der sozialdemokratischen Ära und dem Anbruch einer neuen Zeit in Österreichs Geschichte

Wien (OTS) - Historischer Einschnitt Die schmerzliche Wende nach dreißig Jahren sozialdemokratischer Dominanz

Gerfried Sperl =

Nach dreißig Jahren gibt es in Österreich seit
Freitagmittag wieder einen Bundeskanzler der Österreichischen Volkspartei. Das ist ein historischer Einschnitt. Weil die Bildung einer schwarz-blauen Koalition die sozialdemokratische Ära beendet hat.
Österreich durchlebte zu viele Jahre der großen Koalition.
Aber auch dreizehn Jahre der SPÖ-Alleinregierung und vier Jahre eines rot-blauen Kabinetts. Warum also nicht Schwarz-Blau? Fehlt doch nur noch Rot-Grün. Ein normaler Wechsel also?
Das wäre so, gäbe es in Österreich eine starke und
eigenständige liberale Tradition. In jüngerer Zeit hat Norbert Steger versucht, die FPÖ in eine solche Partei zu verwandeln. Und zehn Jahre später hat es Heide Schmidt in Opposition zu Jörg Haider probiert. Beide sind gescheitert. Nicht nur durch eigene Fehler. Da sowohl die Sozialdemokraten als auch die Christdemokraten ihre Herrschaft mit einem dichten Proporz-Netz abgesichert hatten, blieb für eine liberale Mitte auf Dauer kein Platz.
Und auch die im europäischen Kontext relativ starke grüne
Bewegung vermochte die Zweiparteienherrschaft nicht aufzubrechen. Ihr Herzblut fließt in den Adern der Natur, ihre Solidarität gilt den Minderheiten. Jörg Haider musste kommen, um den reich gewordenen Österreichern endlich zu erklären, dass sie täglich zu kurz kommen und von einer feindlichen Welt umzingelt sind.
Jörg Haider befreite viele seiner Anhänger vom Gefühl des
Zwangs, sich mit der Vergangenheit der Väter (und Mütter) auseinander zu setzen. So lange nach dem Krieg müsse Schluss sein. Umso mehr, als nicht alles so schlecht war, wie heute behauptet werde. Man dankte es ihm. Denn seit der Waldheim-Affäre sei genug bewältigt worden. Dem Hirn müsse nicht auch noch das Herz folgen. Genau dort aber liegt das österreichische Problem. Die moralische Herausforderung wurde nie angenommen, die inhaltliche Diskussion nicht gründlich genug geführt. Weshalb wir auch jetzt nicht kapieren, warum sich viele dieser Welt die Nase zuhalten und so betroffen sind, wenn sie Haiders Aussprüche hören oder lesen.
Jörg Haider hätte im Lande selbst nie so viel positives Echo gehabt, wenn man zuerst nicht die rechte Stimmung erzeugt und dem Rechtspopulisten später nicht direkt geholfen hätte. Angefangen von Josef Klaus als plakatiertem "echtem Österreicher" über Bruno Kreisky, der ehemalige SS-Angehörige für regierungsfähig hielt, bis herauf zu den zahlreichen Illustrierten-Covers des Rock-Populisten, die noch mehr "Quote" machen als Sharon Stone oder Demi Moore.
Zwar beginnt jetzt keine neue oder gar dritte Republik. Dazu
müsste die Macht des Bundespräsidenten wesentlich eingeschränkt und im Nationalrat das Mehrheitswahlrecht eingeführt werden. Aber die Maßnahmen der anderen EU-Staaten rechtfertigen den Befund, dass Österreich in eine Ausnahmesituation geraten ist, die von der eben angelobten schwarz-blauen Regierung ignoriert wird.
Im offiziellen Österreich erscheint der Mann in der Hofburg
als Einziger, der durch die Ablehnung zweier Ministerkandidaten und durch seine missbilligende Körpersprache signalisiert: Er habe die Ächtung durch das Ausland begriffen. Er möchte noch mehr Schaden abhalten.
Insofern könnte Thomas Klestil in die Rolle Franz Vranitzkys wachsen. Als Waldheim während seiner Amtszeit auf der US-Watchlist stand, füllte Vranitzky Kanzler- und Präsidentenamt aus. Jetzt, da die Regierung auf eine Watchlist geriet, könnte Klestil jene Persönlichkeit werden, die man im relevanten Ausland überhaupt noch halbwegs respektiert.
Darin liegt für das Land eine Chance. Nicht länger eine
Nation der Verdränger und der Beleidigten zu sein, sondern endlich aufzuwachen und die Aufarbeitung der Vergangenheit so zu betreiben, dass das Land die Ewiggestrigen ächtet. Und nicht geächtet wird, weil es Rassismus als Wahlmunition duldet.

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