"Neue Zeit" Kommentar: "Lust und Freude" (von Josef Riedler)

Ausgabe vom 5. 2. 2000

Graz (OTS) - Eine neue Regierung schleicht durch die Ballhaus-Katakomben in die Hofburg zum Bundespräsidenten, weil sie sich bei Tageslicht nicht sehen lassen will oder kann. Ausländische Diplomaten werden aus Wien zurück geholt. Kluge Gewerkschafter, die seit Jahrzehnten ihre Erfolge am Verhandlungstisch errungen haben, verwenden plötzlich das Wort Streik. Hundertschaften der Polizei, ausgerüstet mit Helmen, Schildern und Schlagstöcken müssen jugendliche Demonstranten in Zaum halten. Der Verkehr in Wien bricht zusammen. Ein Alptraum. Aber nicht für jeden. Im Ministerratssaal des Bundeskanzleramtes sitzt einer, der das Ziel seines Lebens erreicht hat. Von heute an wird man ihn mit "Herr Bundeskanzler" anreden. Auch wenn er seine Partei bei den Wahlen zur kleinsten ÖVP gemacht hat, die es je gab - "Ich will", sagte Wolfgang Schüssel nach seiner Angelobung, "Politik mit Lust und Freude machen!"

Dass er Lust verspürt und sein Protektor Haider seine Freude an dem ganzen hat, darf man getrost glauben. Was aber wird aus der Lust und Freude derer, die Haider ihre Stimme gegeben haben, weil sie einer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen wollten, und welche Lust und Freude wird es für die geben, die mit ihrer Stimme für Schüssel Sicherheit für ihre Existenz und Ansehen für unser Land bewirken wollten? Sie haben sich - nein: sie wurden getäuscht. Mit Lust und Freude wird es nichts für sie. Ihr Alptraum aber wird nicht nur einen Tag oder eine Woche, er kann vier Jahre dauern.

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