Klestil/TV

TV- Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil am
4. Februar 2000 im Wortlaut (Zeit im Bild, ca. 19 Uhr 50, ORF 1 und ORF 2)=

(Gesperrt bis 4. Februar 2000, 19 Uhr 50, frei für Samstag-Ausgaben!)

Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Ich habe heute eine Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ angelobt.

Heftige innen- und außenpolitische Diskussionen sind dieser Regierungsbildung vorangegangen, die mich mit Sorge und Betroffenheit erfüllen.
Monatelange Bemühungen, eine tragfähige, personell erneuerte Koalition zwischen SPÖ und ÖVP zustande zu bringen, sind gescheitert - nicht zuletzt an der Abnützung einer bereits seit 13 Jahren bestehenden Partnerschaft.

ÖVP und FPÖ haben eine Mandatsmehrheit im Parlament, die in einer Demokratie zu respektieren ist. Der Wille der beiden Parteien, eine Koalition zu bilden, ist daher in einem demokratischen Rechtsstaat zu akzeptieren.

Die neue Regierung, die heute ihre Arbeit antritt, bedeutet für Österreich eine große politische Veränderung, die von vielen gewünscht wurde, bei vielen aber auch auf Skepsis oder gar Ablehnung stößt.

Die Reaktionen auf diese Regierungsbildung sind so heftig, daß im In- und Ausland große Überzeugungsarbeit geleistet werden muß, um Vorurteile und unberechtigte Kritik zu entkräften.

Auf meinen Wunsch hin haben die Parteiobmänner von ÖVP und FPÖ gestern eine Erklärung unterschrieben, die ein klares Bekenntnis zur Europäischen Union und zu deren Grundwerten enthält.

In dieser Erklärung heißt es:
"Die Bundesregierung bekennt sich zum Friedensprojekt Europa. Die Zusammenarbeit der Koalitionsparteien beruht auf einem Bekenntnis zur Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union. Die Bundesregierung ist den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. In der Vertiefung der Integration und der Erweiterung der Union liegt auch Österreichs Zukunft. Österreichs Geschichte und geopolitische Lage sind ein besonderer Auftrag, den Integrationsprozeß voranzutreiben und den europäischen Gedanken noch stärker im Alltag der Menschen zu verankern."

Weiters heißt es:
"Die Bundesregierung tritt für Respekt, Toleranz und Verständnis für alle Menschen ein, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Sie verurteilt und bekämpft mit Nachdruck jegliche Form von Diskriminierung, Intoleranz und Verhetzung in allen Bereichen. Sie erstrebt eine Gesellschaft, die vom Geist des Humanismus und der Toleranz gegenüber den Angehörigen aller gesellschaftlichen Gruppen geprägt ist.

Die Bundesregierung bekennt sich zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte und setzt sich für ihre bedingungslose Realisierung auf nationaler wie auf internationaler Ebene ein. Dies ist auch ein wichtiger Beitrag, um vorbeugend Kriege und interne Konflikte zu verhindern, die Menschen in ihren Rechten verletzen, vertreiben oder zum Verlassen ihrer Heimat zwingen."

Ich werde den vollen Wortlaut dieser Erklärung mit einem persönlichen Schreiben allen Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union sowie den Präsidenten der Vereinigten Staaten und Israels übermitteln.

Ich habe gestern Dr. Schüssel und Dr. Haider klargemacht, daß eine Mißachtung der in der Erklärung niedergelegten Bekenntnisse zu Europa und zum österreichischen Rechtsstaat schwerwiegende innen- und außenpolitische Folgen haben wird.

Liebe Landsleute!

Österreich ist eine stabile Demokratie, ein funktionierender Rechtsstaat, der sich über Jahrzehnte Ansehen in der internationalen Staatengemeinschaft erworben hat. Jetzt gilt es, dieses Ansehen gemeinsam zu bewahren und zu fördern.
Ich bitte daher alle politischen Kräfte unseres Landes, alle Österreicherinnen und Österreicher und auch unsere Partner in der Europäischen Union und in der Welt, der neuen Bundesregierung eine Chance zu geben und sie nach ihrer Arbeit zu beurteilen.
An die Mitglieder der Bundesregierung appelliere ich, im Geiste der europäischen Werte zu handeln und sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, daß Österreich jene internationale Akzeptanz und Anerkennung findet, die es verdient.

Ich verspreche Ihnen, daß ich darüber wachen werde, daß es in unserem Land zu keinen Entwicklungen kommt, die den Werten der Europäischen Union und der internationalen Staatengemeinschaft widersprechen.

Ich werde auch alle meine internationalen Kontakte einsetzen, damit unser Land keinen nachhaltigen Schaden erleidet. Ich werde mit Überzeugung vertreten, daß Österreich ein gutes Land ist, mit positiven Menschen und einer weltoffenen Zukunftsgeneration, die es zu fördern und nicht auszuschließen gilt. Österreich verdient es, in der Europäischen Gemeinschaft und in der Welt als verläßlicher Partner anerkannt zu werden.

Ich bitte Sie, liebe Österreicherinnen und Österreicher, für diese große Aufgabe um Ihre Unterstützung und Ihr Vertrauen!

Address by Federal President Thomas Klestil on Austrian Television on 4 February 2000

Dear fellow Austrians,

Today I have sworn in a coalition government formed by the Austrian People's Party and the Austrian Freedom Party.

The formation of this government was preceded by stormy internal and external political debates which are for me a cause for worry and concern.

Several months of efforts to bring about a stable and personally renewed coalition between the Social Democratic Party and the People's Party failed - not least due to the wear and tear of a partnership which had existed already for 13 years.

The People's Party and the Freedom Party have a majority of seats in Parliament. This must be respected in a democracy. Therefore, the intention of the two parties to form a coalition has to be accepted in a democratic state based on the rule of law.

The new government which today starts its work means a profound political change for Austria, a change which is desired by many people but which also meets with scepticism or even objection with many others.

The reactions to the formation of this government are so strong that great efforts will have to be made at home and abroad to refute prejudices and unjustified criticism.

At my request, the party chairmen of the People's Party and of the Freedom Party yesterday signed a declaration containing a clear commitment to the European Union and its fundamental values.

This declaration states:
"The Federal Government is committed to the European peace project. Cooperation between the coalition parties is based on a commitment to Austria's membership in the European Union. The Federal Government is bound by the principles of liberty, democracy, respect for human rights and fundamental freedoms, and the rule of law. Austria's future, too, lies in the deepening of integration and the enlargement of the Union. Austria's history and geopolitical situation represent a special responsibility to further the process of integration and to anchor the European idea even more firmly in everyday life."

The declaration also states:
"The Federal Government stands for respect, tolerance and understanding for all human beings irrespective of their origin, religion or weltanschauung. It condemns and actively combats any form of discrimination, intolerance and demagoguery in all areas. It strives for a society imbued with the spirit of humanism and tolerance towards the members of all social groups.

"The Federal Government is committed to the protection and promotion of human rights as well as to their unconditional implementation at national and international level. This also makes an important contribution to the prevention of wars and domestic conflicts which result in violations of the rights of people, who may find themselves displaced or even forced to leave their home country."

I will convey the complete text of this declaration with a personal letter to all heads of state and government of the European Union and to the Presidents of the United States and of Israel.

Yesterday, I made it clear to Mr. Schüssel and to Mr. Haider that any disregard of the commitments to Europe and the rule of law in Austria as enshrined in the declaration will have serious domestic and external political consequences.

Dear compatriots,

Austria is a stable democracy, a country with a functioning state under the rule of law which, over decades, has earned the respect of the international community. It is now imperative we all work together to preserve and promote this respect.

I therefore ask all political forces in our country, all Austrian women and men, as well as our partners in the European Union and in the world to give the new Federal Government a chance and to judge it on its work.

To the members of the Federal Government I appeal to act in the spirit of the European values and to work with all their strength so that Austria will find the kind of international acceptance and recognition it deserves.

I promise you that I shall see to it that there are no developments in our country which contradict the values of the European Union and of the international community.

I shall also make use of all my international contacts in order to ensure that our country will not suffer any lasting damage. I shall argue convincingly that Austria is a good country with good people and a future generation with an open mind for the world, a generation which should be encouraged, not ostracized. Austria deserves to be recognized as a reliable partner in the European Community and in the world.

I ask you, dear fellow Austrians, for your support and your trust in this great task.

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