"Neue Zeit" Kommentar: "Schüssels Lapsus" (von Helmut Griess)

Ausgabe vom 4. 2. 2000

Graz (OTS) - Ein "lapsus linguae" - auf gut Deutsch: ein
Versprecher - sei es gewesen, der Wolfgang Schüssel bei seiner Doppelconference mit Jörg Haider ankündigen ließ, Thomas Klestil werde ihn noch gestern mit der Regierungsbildung betrauen. So Klestil-Sprecher Hans Magenschab wenig später. Mit dem "Versprecher" war Magenschab ohnehin noch nobel: In Wahrheit handelte es sich wohl um ein psychologisches Phänomen, nämlich um die "Projektion" des sehnlichsten Wunsches Schüssels in den Präsidenten, endlich vom Vize zum Kanzler zu werden. Klestil war Schüssel und seinem Kumpan aus dem Bärental auch gestern nicht zu Willen, obwohl sie in ihrem Drang, nur endlich die Macht zu ergreifen, sogar bereit waren, sich vor Kameraleuten und Fotografen vorführen zu lassen und eine von Klestil vorgelegte Präambel zu unterschreiben. Darin bekennen sie sich zu den "geistigen und sittlichen Werten" Europas und versprechen die Einhaltung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaat. Dass Klestil es überhaupt für notwendig hielt, sich derartige Selbstverständlichkeiten extra unterschreiben zu lassen, wird das Misstrauen, das der künftigen Regierung entgegengebracht wird, nur wenig mindern. Nach dieser Unterwerfungsgeste war es Klestil gestern vorerst genug: Schweigend zog er sich zum Studium des Koalitionspakts und der Ministerliste hinter seine Tapetentür zurück. Sein steinernes Gesicht sprach genug: Diese Regierung anzugeloben, ist ihm zutiefst zuwider. Zumindest hinausschieben wollte er sie.

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