Tourismus-Industrie gegen sexuelle Ausbeutung der Kinder

Ferrero-Waldner eröffnete Symposium gegen KinderSexTourismus auf Wiener Ferienmesse=

Wien, 28.1.2000 (OTS) eingebettet in eine Kampagne gegen KinderSexTourismus wird ab Jänner 2000 in Österreich sowie in anderen EU-Staaten ein Verhaltenscodex für die Reiseindustrie erprobt - der sogenannte Certified Code of Conduct for Tour Operators against Child Sex Tourism (CCC).

Staatssekretärin Benita Ferrero-Waldner eröffnete vergangenen Samstagnachmittag das Symposium gegen KinderSexTourismus , das im Rahmen der Wiener Ferienmesse im Messe-Kongresscenter, abgehalten wurde. Sie begrüßte die Einführung eines internationalen Verhaltenskodex (den Certified Code of Conduct CCC) als Maßnahme gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich rund drei Millionen Kinder zur Prostitution gezwungen. "Gerade dieses Phänomen ist eine der schlimmsten Folgen des verständnislosen Aufeinanderprallens von Menschen unterschiedlichster Wohlstandsniveaus", zeigte sich die Staatssekretärin betroffen.

Dr. Ewald Filler vom Ministerium für Umwelt , Jugend und Familie präsentierte in Vertretung für Minister Martin Bartenstein jenes zweiminütige Inflight-Video, das die Filmemacher Dolezal & Rossacher im Auftrag des Ministeriums produziert hatten. Filler: "Es ist ein Beitrag Österreichs gegen das weltweite Verbrechen des Kindes-Missbrauchs". Seit Oktober wird das Video auf AUA-Langstreckenflügen in einschlägige Destinationen gezeigt.

Zur gleichen Zeit werden in Thailand, in Kambodscha, in Brasilien, in Indien, auf Kuba, in der Dominikanischen Republik oder auf den Philippinen Kinder zwischen sechs und 15 Jahren für ein paar Dollar sexuell missbraucht. Allein in Thailand sollen es ca. 400.000 bis 800.000 Kinder jährlich sein. Doch nicht nur in exotischen Reisezielen kommt es zu sexueller Ausbeutung von Kindern, sondern auch in Osteuropa. Von jenen Reisenden, die sich Kinder - durch Armut ausgeliefert - gleich einer Ware als "Urlaubsvergnügen" kaufen, möchten sich in Zukunft zahlreiche Vertreter der österreichischen Tourismus-Industrie klar distanzieren.

Elisabeth Rehulka sagte in ihrer Funktion als Geschäftsführerin des Österreichischen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbandes (ÖRV) das Interesse am "Code of Conduct" und die Unterstützung der heimischen Tourismus-Industrie zu. Erste Gespräche für die Umsetzung des CCC haben bereits stattgefunden.

"Wir freuen uns sehr über die positive Rückmeldung österreichischer Reiseveranstalter. Wir arbeiten bereits mit einigen von ihnen an konkreten Schritten", resümiert DI Christian Baumgartner von respect - dem Zentrum für Tourismus und Entwicklung. Respect - Initiator des Symposiums und in Kooperation mit der Südwindagentur Veranstalter der Expertentagung - wurde vor rund eineinhalb Jahren als Fachstelle für nachhaltigen und sozialverträglichen Tourismus von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium ins Leben gerufen.
Gemeinsam mit Organisationen in Schweden und Deutschland engagiert sich respect für die Umsetzung des Certified Code of Conduct im Rahmen eines geförderten EU-Projektes. Damit gelang es der Fachstelle nun auch im europäischen Netzwerk tätig zu sein und Kooperationspartner wie ECPAT zu gewinnen.
Zur Aufgabe von respect gehört auch, die strukturellen Benachteiligungen von Entwicklungsländern im Vergleich zu industriealisierten Ländern aufzuzeigen. "Kinderprostitution ist die demütigenste Form von Kinderarbeit," erklärt respect-Mitarbeiter Christian Baumgartner, "doch Kinderarbeit gehört bei den ärmsten Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern zur Alltagsrealität und ist aufgrund der sozialen Ungleichheit oft die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Wollen wir etwas verändern, müssen wir hier ansetzen".

Die Nicht-Regierungsorganisation ECPAT (End Child Prostitution Child Pornography and Trafficking in Children for Sexual Purposes) mit Sitz in Bangkok (Thailand) engagiert sich gegen die kommerzielle und sexuelle Ausbeutung von Kindern und verfügt über ein Netzwerk von 300 Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen in über 45 Ländern weltweit.
Mechthild Maurer von ECPAT-Deutschland: "Gemeinsam mit Reiseunternehmen erarbeiteten wir einen Verhaltenskodex gegen Kinderprostitution, den Certified Code of Conduct CCC. Dieser Kodex verpflichtet Reiseveranstalter, sich von Geschäften mit KinderSexTourismus klar abzugrenzen". Teil der Kampagne gegen Kinderprostitution ist neben der offensiven Informationspolitik der Veranstalter auch die Schulung des Schalterpersonals sowie der Reiseleiter vor Ort, sogar die Kooperations-Partner in den Zielländern sollen entsprechend ausgebildet werden.

Tatsächlich wird - wie das Beispiel in Skandinavien zeigt - der CCC Certified Code of Conduct sowohl von Reisenden als auch von der Tourismus-Industrie sehr positiv aufgenommen.

Die Schwedin Lotta Sand berichtete als Vertreterin von Star Tours, dem zweitgrößten Reiseveranstalter in Skandinavien, über die Fortschritte des Pilotprojektes CCC.
Das Projekt war von ECPAT-Schweden im Oktober 1998 mit Star Tours als ersten Partner gestartet worden, in der Zwischenzeit haben 95 Prozent der schwedischen Reiseveranstalter den CCC implementiert. Dem Beispiel von Star Tour folgte 1999 der Marktführer Scandinavian Leisure Group (SLG) sowie der drittgrößte Veranstalter Apollo. DI Christian Baumgartner von respect: "Das schwedische Pilotprojekt zeigt, dass Reiseveranstalter auch als Wirtschaftsunternehmen ethisch denken und Maßnahmen gegen KinderSexTourismus umsetzen können"

Lotta Sand (Star Tours) erläuterte einige Details: "Wir haben zunächst in Thailand und in der Dominikanischen Republik mit der Umsetzung begonnen und die positiven Reaktionen der Reisenden haben uns sehr ermutigt". Die Reiseveranstalter sprechen sich in den Katalogen klar gegen Prostitutionstourismus aus und können sich durch Kennzeichnung mit dem Code-of-Conduct-Label positiv vom Markt abheben. Ziel ist es, zunächst europaweit die Tourismusindustrie für den Code of Conduct zu gewinnen. "Um die Glaubwürdigkeit des CCC zu untersteichen, wird eine objektive Kontrollinstanz die Einhaltung der vertraglichen Klauseln überprüfen" (Lotta Sand).

Factsheet zum Symposium

"Mindestens 200 Millionen Kinder werden auf dem Markt der Pornoindustrie als Ware verschachert, verschoben, gequält und misshandelt," stellt Frau Dr. Gudrun Berger Generalsekretärin von UNICEF-Austria betroffen fest.
"Die Kinder in den ärmsten Regionen der Welt werden mit Schlägen und Drogen gefügig gemacht, Verbrecherringe verdienen an diesem grausamen Geschäft mit Kindern Milliarden", so Berger und sie bringt die Ursachen dafür auf den Punkt: "Hinter der Kinderprostitution steckt ein komplexes Problem: Armut und Diskriminierung". Die Kinder, insbesondere die Mädchen, der ärmsten Familien werden von ihren verschuldeten Familien wie Sklaven verkauft, viele gehen aus Hunger und Not freiwillig, verführt von der Illusion eines besseren Lebens. Und haben im "Diskriminierungskreislauf zwischen Reich und Arm", wie Berger es formuliert "doch nie eine echte Chance".

Professor Dieter Kleiber vom Psychologischen Institut an der Freien Universität Berlin verdeutlichte mit den Ergebnissen seiner internationalen Studie ("International Sex Tourism and Child Abuse", 1992/93) wie groß das Ausmaß des weltweiten sexuellen Missbrauches an Kindern durch Touristen tatsächlich ist: Die Befragungen von Sextouristen in Staaten, wie z.B. Kenia, Brasilien, Thailand, Philippinen und der Dominikanischen Republik zeigte, dass 1,2 Prozent der männlichen, heterosexuellen Sextouristen sexuellen Kontakt mit Kindern unter 16 Jahren hatten. Seinen Hochrechnungen zufolge kommt es somit bei für Deutschland geschätzten 400.000 Sextouristen pro Jahr zu 4800 sexuellen Kontakten mit Kindern.

Der ILO-Report "The Sex -Sector" von 1998 (International Labour Organization mit Hauptsitz in Genf) belegte, dass z. B. in Indonesien ein Fünftel aller arbeitenden Kinder, die 17 Jahre oder älter waren, bereits vor ihrem 17. Lebensjahr zu Prostituierten wurden. Weiters fanden die Autoren einer thailändischen Studie (ECPAT-Bericht 1995) heraus, dass ein Fünftel aller sich prostituierenden thailändischen Mädchen bereits zwischen 13 und 15 Jahren als Prostituierte zu arbeiten begannen. Der Report spricht davon, dass auch in China, Vietnam, Burma und Kambodscha der sexuelle Missbrauch von Kindern im Wachsen begriffen ist, wobei immer jüngere Kinder sexuell ausgebeutet werden:
In Kambodscha beispielsweise waren 1995 ein Drittel der weiblichen Prostituierten zwischen 12 und 17 Jahre alt. Gemäß des ECPAT-Berichtes von 1995 waren in Malaysien 50 Prozent jener Mädchen, die durch eine großangelegte Polizeiaktion in Bordellen aufgegriffenen und befreit werden konnten, unter 18 Jahren, also jede zweite. Fallstudien und Zeugenaussagen dieser Kinder (siehe ILO-Report 1996) machen deutlich, dass die Opfer ein Trauma erlitten, welches es ihnen oft unmöglich oder schwer macht, in ein normales Leben zurückzufinden.

Diese Darstellung zeigt, dass die weltweite Bekämpfung sexueller Ausbeutung von Kindern vor allem auch durch die Hilfe und Anstrengung der europäischen Reisebranche verstärkt werden muss. Ende 1998 initiierte die Europäische Kommission in Brüssel erstmals eine Tagung zum Thema "Bekämpfung des Sextourismus mit Kindesmissbrauch". Teilnehmer waren europäische Institutionen, nationale Behörden, Reisefachverbände sowie zuständige Nicht-Regierungsorganisationen (NRO). An diesem ersten europäischen Treffen wurde angeregt, gemeinsam mit der Tourismusbranche den Schutz des Kindes in den Mittelpunkt aller Bemühungen zu stellen. Diesem Treffen war im August 1996 in Stockholm der erste Weltkongress gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern vorausgegangen.

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