"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: Der Schattenkanzler (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 27. Jänner 2000

Bregenz (OTS) - Wolfgang Schüssel ist am Ziel seiner Wünsche -zumindest scheinbar: Nicht einmal der Bundespräsident kann sich einer blau-schwarzen Koalition noch in den Weg stellen, nachdem alle Versuche des Staatsoberhaupts gescheitert sind, eine sozialdemokratisch geführte Regierung durchzuboxen. Aber ist der VP-Chef wirklich der große Sieger? Gewiss, die SPÖ hat es wunschgemäß "zerrissen", und die Chancen stehen recht gut, dass die ÖVP dank seines Verhandlungsgeschicks erstmals seit 1970 wieder den Regierungschef stellt. Aber falls die FPÖ tatsächlich Wolfgang Schüssel auf den Thron hebt, wird er ein Kanzler sein, den gerade einmal jeder zwölfte Wähler auf diesem Posten sehen will.

Doppelt so viele wünschen sich dort einen gewissen Jörg Haider -aber der will vorerst in Kärnten bleiben. Er wird von dort aus als Schattenkanzler Österreich durch Zurufe regieren. Und wenn er das nicht allzu ungeschickt macht, wird die FPÖ nach den nächsten Wahlen - deren Zeitpunkt Haider ziemlich nach Belieben selbst bestimmen kann - die unumstrittene Nummer eins sein.

Der wahre Sieger heißt also eindeutig Jörg Haider. Und so unerfreulich die ausländischen Reaktionen darauf auch sind und in den nächsten Monaten weiterhin sein werden - ein Wechsel der Regierungsform nach den ständigen Streitereien der alten Koalition, ihren gegenseitigen Schuldzuweisungen und der Unfähigkeit zu überfälligen Reformen war unerlässlich. Vielleicht ist wirklich ein demokratischer Neubeginn, vielleicht ist es der Beginn der Entzauberung Jörg Haiders; vielleicht muss Österreich auch erst einmal durch eine Phase der Instabilität, damit wir sehen, wie gut es uns in Wirklichkeit politisch und wirtschaftlich geht.

Möge die Übung gelingen, heißt es im chinesischen Zirkus vor Beginn der Vorstellung. Man ist versucht, das auch den Akteuren auf der heimischen Politbühne zuzurufen.

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