"Die Presse" Kommentar: "Sisyphus und Kohl" von Andreas Schwarz Ausgabe: Montag, 24. 1. 2000

Wien (OTS) - Das Gleichnis aus der griechischen Mythologie, wonach Sisyphus den immer wieder zurückrollenden Stein nicht zu Berge brachte, findet in Deutschland von Tag zu Tag seine abgewandelte Entsprechung: Wann immer Spitzen der CDU Aufklärung in der Spendenaffäre geloben, Untersuchungen ansetzen, tauchen Berichte und Gerüchte über neue Ungeheuerlichkeiten auf, die alles in einen noch dichteren Nebel hüllen.

Die jüngste Weiterung geht über die Grenzen dessen, was als Causa Kohl scheinbar isoliert begonnen hat und längst zum Sumpf der CDU geworden ist, weit hinaus: Wenn stimmt, daß Frankreichs früherer Staatschef François Mitterrand seinem Du-Freund Helmut Kohl im Zusammenhang mit dem Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinerie an den französischen Elf-Konzern mehr als 200 Millionen Schilling als Wahlkampfhilfe hat zukommen lassen, um mit einem CDU-Sieg den gemeinsamen europäischen Kurs zu sichern, dann tut sich ein Abgrund ganz neuer Dimension auf. Gewiß: Noch ist unklar, was (auch) an dieser Sache dran ist, und wenigstens diesfalls hat sich niemand erfrecht zu sagen, das sei alles nur zum Wohle, nein, nicht der Partei, sonder Europas geschehen. Im Gegenteil, es wird wild dementiert. Doch Aussagen über Schmiergeldzahlungen in der Elf-Affäre gibt es längst, und daß die Akten im deutschen Kanzleramt verschwunden sind, macht die Dementis nicht glaubwürdiger.

Wie verheerend das ausufernde Schlamassel ist, wie groß das Risiko, daß ohne detaillierte Aufklärung nicht nur die Zahl der Skandale und der involvierten Länder, sondern auch die der Gerüchte und der Verleumdungen explodiert, beweist das gestrige Verwirrspiel um die Bereitschaft respektive Doch-nicht-Bereitschaft Helmut Kohls, nun einem "hochrangigen Ausschuß" die Namen jener zu nennen, von denen er Gelder übernommen hat.

Die Namen allein genügten ohnedies längst nicht mehr. Er müßte alles sagen, was er weiß, von den ersten Spenden über Auslandskonten bis zum Fall Elf. Denn das Sisyphus-Problem der CDU, das nun schon über die Grenzen Deutschlands hinausgeht, hängt am Fels Kohl.

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