WirtschaftsBlatt über Ein Theater ohne Ende von Peter Muzik

Wien (OTS) - Der Bundespräsident ist nach exakt 110 Tagen Dauerstress mit seinem Latein offenbar am Ende: Thomas Klestil hofft seit gestern anscheinend nur noch auf ein Wunder. Die innenpolitische Lage, in der sich die Republik seit Freitag morgens befindet, ist verkorkster als vor 30 Jahren - damals hat Bruno Kreisky notgedrungen eine SP-Alleinregierung bilden müssen, die immerhin 18 Monate durchhielt. Ein rotes Solo hätte diesmal wohl nicht den Funken einer Chance - und auch bei den Alternativen sieht¹s traurig aus: Die beiden Pokerspieler Viktor Klima und Wolfgang Schüssel haben den Bogen eindeutig überspannt und sich mit ihrem unsinnigen taktischen Geplänkel letztlich ins politische Out manövriert.

Die beiden sind für die meisten Wähler langsam, aber sicher unglaubwürdig und am Ende sogar zu matten Lachnummern geworden. So gesehen hätte es den Stellenwert eines absoluten Affentheaters, wenn sich SPÖ und ÖVP in den nächsten Tagen doch noch in die Arme fielen und einigen würden. Relativ unwahrscheinlich, aber nicht auszuschliessen, ist es, dass die Freiheitlichen den angeschlagenen VP-Chef doch noch zum Kanzler machen - warum sollte Haider das jetzt eigentlich tun? Völlig ausschliessen kann man jedenfalls, dass der Kanzler sich in letzter Sekunde noch die Blauen anlacht und mit ihnen gemeinsame Sache macht. Also bleibt im Grunde bloss eine einzige Option: baldige Neuwahlen. Nicht nur Klestil ahnt, was das hiesse. Damit wäre nämlich der Weg für Jörg Haider frei, dessen FPÖ nach menschlichem Ermessen die meisten Stimmen bekäme. Die Sozialdemokraten indes würden vermutlich viele frustrierte Anhänger verlieren und auf Rang zwei zurückfallen. Der Volkspartei droht sogar eine schwere Schlappe, die sie endgültig in die Versenkung bugsieren könnte. Die logische Konsequenz eines derartigen Wahlresultats wäre erst recht wieder ernüchternd: Es ist nämlich schwer vorstellbar, dass die Roten oder die Schwarzen - egal, unter welcher Führung -nach einem Haider-Triumph bereit wären, als Juniorpartner der Freiheitlichen bei einer Koalitionsregierung mitzumachen. Und das hiesse: Auch Jörg Haider würde an der Regierungsbildung scheitern. Die nächsten Monate werden für Österreich jedenfalls sehr schwierig sein - ausser Klestil schafft noch irgendwie ein kleines Wunder... PM

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