"Das WirtschaftsBlatt" - "Das Einzige, das stört, ist die "Politick" (von Jens Tschebull)

Ausgabe vom 14.1.2000

(Wien) - Ordentliche Kaufleute, die sich um ihr tägliches Geschäft kümmern müssen, hatten in den vergangenen hundert Tagen Wichtigeres zu tun, als die Sondierungs-, Regierungs-, Koalitions- und sonstigen Gespräche in der virtuellen Welt (Scheinwelt) der Politik genau zu verfolgen. Diese Gespräche waren bestenfalls eine ärgerliche seichte Abendunterhaltung im Fernsehen. Aber sie zeigten auch die Kluft zwischen der realen Welt der Wirtschaft und dem Seifenblasenkosmos der herkömmlichen Politik, die immer noch betrieben wird, als wäre nichts geschehen: Als wäre die Tagespolitik im Schatten der EU und der globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht schon längst auf das ihr angemessene Mass einer organisatorischen Dienstleistung zurechtgestutzt. Es ging bei den Verhandlungen ja nicht einmal um eine Firmenfusion zu einer "SPÖVP" wie bei Mannesmann und Vodafone, sondern lediglich um eine bis zur nächsten Wahl befristete Arbeitsgemeinschaft zur Organisation und Verwaltung des Staates. Nach hundert Tagen Verhandlungen über eine ARGE und ihre Geschäftsführer, bei gleichzeitigem Betriebsstillstand der betroffenen Unternehmen, wären Firmen schon längst pleite. Aber Parteien, Verbände und individuelle Politiker haben offenbar Zeit und drängen sich in unerträglicher Wichtigmacherei in den Vordergrund, der ihnen als Organisationsspezialisten des öffentlichen Lebens nicht zukommt: Sie sind von den Wählern abhängig, durch die Leistungen der produktiven Wirtschaft finanziert und zur Arbeit verpflichtet. In einem reifen, geordneten Staat, der seine Revolutionen und Bürgerkriege Gott sei Dank hinter sich hat, ist die Politik eine wichtige demokratische Dienstleistungstätigkeit zur Sammlung, Kanalisierung und Durchsetzung des Wählerwillens. Sie ist von Geschäftsführern, die recht gut bezahlt werden, möglichst unauffällig zu erledigen. Im Englischen wird zwischen "politics" Staatskunst, und "politicking" unterschieden. "Politicking", mit "ck", meint, eher abfällig, den trickreichen Kampf um Wählerstimmen und taktische Aktivitäten mit dem Ziel, die eigene Position zu stärken, nicht aber, der Allgemeinheit zu dienen. Politik als demokratische Dienstleistung ist notwendig und nützlich; was - insbesondere die sachbezogene Wirtschaft - stört und zur Politikverdrossenheit führt, ist die "Politick". JT

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt
Tel.: (01) 91919-316

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB/WIEN