Ein Jahr Kampagne gegen Essstörungen

2.000 Betroffene nahmen Hotline bisher in Anspruch: Wien prüft Ausbau der Therapieeinrichtungen

Wien, (OTS) Am Donnerstag präsentierten Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder, die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Dr. Beate Wimmer-Puchinger und die Projektkoordinatorin Mag. Barbara Strunz im Rahmen eines Mediengespräches die Bilanz über das erste Jahr der Kampagne gegen Essstörungen bei jungen Mädchen und Frauen. "Es ist uns mit dieser Kampagne gelungen, eine frühere und verstärkte Inanspruchnahme von Therapien zu erreichen", so Stadtrat Rieder. Erfahrungsgemäß verheimlichen Betroffene Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie sehr lange, wodurch die Heilung sehr schwierig ist. "Die große Erfolg der Kampagne bestätigt uns in unserem Weg, stellt aber gleichzeitig auch den Auftrag dar, diese Aktion fortzusetzen, so Rieder. So wird die Gratis-Hotline 0800-20 11 20 weitergeführt, weitere Infotage an Schulen sind geplant. Rieder: "Die anhaltend große Zahl an Anruferinnen lässt uns davon ausgehen, dass mehr Frauen als ursprünglich angenommen unter Essstörungen leiden. Wir prüfen daher, ob ein Ausbau der bestehenden Therapieeinrichtungen oder die Schaffung einer Tagesklinik notwendig ist." Ging man vor der Kampagne von etwa 2.000 betroffenen Mädchen allein im Alter zwischen 12 und 18 Jahren in Wien aus, so schätzen ExpertenInnen jetzt die Zahl auf mindestens 3.000.****

Die Kampagne umfasste eine sehr zielgruppenorientierte Öffentlichkeitskampagne, Infoveranstaltungen an Schulen, die Einrichtung einer Gratis-Info-Hotline, die Fortbildung von Multiplikatoren sowie die Gründung einer Plattform aller mit den Thema befassten Einrichtungen und Experten.

Die Kampagne wurde auf Initiative der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten im November 1998 gestartet und war
das erste Projekt der seit 1998 in dieser Funktion tätigen Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger im Rahmen des Wiener Frauengesundheitsprogrammes.

Wimmer-Puchinger: "Betroffene möglichst früh betreuen"

Für die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger stellen die Ergebnisse der Kampagne eine Bestätigung des eingeschlagenen Weges dar: "Essstörungen sind nach wie vor tabuisierte Erkrankungen, über die man ungern spricht und daher oft zu spät Hilfe in Anspruch nimmt. Wir haben es geschafft, viele früher Betroffene zu erreichen und zu einer psychischen Betreuung zu motivieren. Der nach wie vor große Bedarf zeigt sich aber darin, dass ohne Werbung weiter hin die Hotline für Essstörungen stark in Anspruch genommen wird. Wir führen diese Kampagne daher fort."

Infoaktionen an 60 Schulen - schon jede 2. Schülerin hat mit Diäten experimentiert

Kernstück der Essstörungskampagne waren Informationsstunden an 60 Wiener Schulen in den Klassen der 9. Schulstufe, die in Zusammenarbeit mit dem Wiener Stadtschulrat organisiert wurden. Dabei informierte eine zu diesem Thema ausgebildete Expertin Schülerinnen und Schüler über diese Erkrankungen und wies auf die bestehenden Hilfsangebote - wie die Hotline - hin. Insgesamt
konnten so rund 4.000 Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Eine gleichzeitig Evaluierung mittels Fragebögen ergab, dass bereits jede zweite 15-jährige Schülerin mit Diäten experimentiert hat.

2.600 Anruferinnen: Gratis-Hotline wird weitergeführt

Im Rahmen der Kampagne wurde eine Gratis-Hot-Line 0800-20 11
20 (werktags von 12 - 17 Uhr) eingerichtet, an der sich insgesamt 2.594 AnruferInnen gemeldet haben bisher (Stand 7. Jänner 2000). Das sind rund 10 Anrufe pro Werktag, wobei die durchschnittliche Gesprächsdauer bei 14 Minuten lag. Die Hotline ist zentrale Drehscheibe dieser Aktion. Speziell ausgebildete Therapeutinnen geben dort Auskunft und können bei Bedarf an eine der Therapieeinrichtungen weitervermitteln. Obwohl die Öffentlichkeitskampagne bereits Mitte 1999 ausgelaufen ist, melden sich weiterhin bis zu 10 Anruferinnen pro Tag. Die Hotline wird daher weitergeführt.

Statistische Auswertung der bisher eingegangenen Anrufe:

o Die Anrufe kommen zu 92% von Frauen (Die 8% männlichen Anrufer

sind fast ausschließlich Angehörige von Betroffenen)
o 73% der Anrufe kommen aus Wien, 27% aus den Bundesländern
o 62% waren selbst von einer Essstörung betroffen, 38% waren

Fremdbetroffene (Eltern, FreundInnen, Geschwister, LehrerInnen,...)
o Das Durchschnittsalter der Selbstbetroffenen lag bei 20 Jahren

bei Bulimarexie (Mischform aus Magersucht und Ess-Brech-Sucht)
und Anorexie (Magersucht), bei 22 Jahren bei Bulimie (Ess-Brech- Sucht) und bei 35 Jahren bei Esssucht.
o Mehr als 40% wollten die Vermittlung therapeutischer Hilfe

(Beratungsstellen, Einzeltherapeuten, Selbsthilfegruppen, Gruppentherapie, stationäre und ambulante Behandlungsangebote). Mehr als 25 % der AnruferInnen nutzte das Angebot der Hotline,
um sich auszusprechen. Weiters wollten 11% der AnruferInnen
Hilfen für den Umgang mit essgestörten Angehörigen und
7% wollten sich allgemeine Informationen über Essstörungen geben lassen.
o Für fast 55% war die Hotline der erste Versuch, von der

Krankheit wegzukommen und sich Hilfe zu holen. Für die 45%, die schon früher Hilfe gesucht hatten, ist die Hotline eine wichtige Unterstützung, da sehr häufig noch Bedarf an Beratung, Motivation oder Aussprache bestand oder es wurde überhaupt ein neuer Anlauf bei der Bewältigung der Krankheit mit Hilfe der Hotline versucht.

Konkrete Hilfe für Betroffene: Therapieeinrichtungen verzeichnen verstärkte Inanspruchnahme

Auf Grund der Kampagne wurde in den einzelnen Therapieeinrichtungen eine verstärkte Inanspruchnahme registriert. Durchschnittlich 50 Prozent mehr Patientinnen meldeten sich seit Beginn der Kampagne in den Einrichtungen.

Um Essstörungen heilen zu können, ist eine eingehende psychische und physische Therapie notwendig, die in weit fortgeschrittenen Fällen stationär erfolgt, sonst aber ambulant oder in Tagesbetreuung. Dazu stehen in Wien verschiedene Angebote zur Verfügung: Stationäre Behandlung gibt es unter anderem im AKH, im Wilhelminenspital und im Krankenhaus der Barmherzigen
Schwestern. Ambulante Betreuung wird im F.E.M.-Zentrum an der Semmelweis-Frauenklinik, im F.E.M.-Süd im Kaiser Franz Josef-Spital, im AKH, im Wilhelminenspital sowie in der Jugendambulanz
der Wiener Gebietskrankenkasse und von verschiedenen Vereinen angeboten. Immer mehr Bedeutung haben ferner Selbsthilfegruppen.

Fortbildung für 370 Multiplikatoren

Im Rahmen der Kampagne wurden auch
Fortbildungsveranstaltungen für Multiplikatoren angeboten. 370 Lehrer, Schulärzte oder Therapeuten erhielten eine spezielle Schulung für den Umgang mit essgestörten Schülerinnen und Patienten.

Essstörungs-Kampagne: Erste Initiative im Rahmen des Frauengesundheitsprogrammes

Die Kampagne zum Thema "Essstörungen bei Mädchen" ist das erste Projekt das im Rahmen des Wiener Frauengesundheitsprogrammes umgesetzt wird. Das Frauengesundheitsprogramm wurde am 6. November 1998 gemeinsam von allen Parteien im Wiener Gemeinderat
beschlossen. Damit ist Wien nach Glasgow die zweite Stadt in
Europa, die ein solch konkretes, auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen abgestimmtes Gesundheitsprogramm verabschiedet hat.

Essstörungen: 200.000 Frauen in Österreich betroffen

Gerade junge Frauen sind besonders gefährdet, an Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Esssucht zu erkranken. Rund 5 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren leiden an einer solchen Erkrankung. Experten schätzen, dass in ganz Österreich bis zu 200.000 Frauen aller Altersgruppen gefährdet oder schon betroffen sind. Meist werden diese Krankheiten vor Freunden und Angehörigen so lange wie möglich verheimlicht, was ernste gesundheitliche Probleme verursacht, die in Extremfällen bis zum Tod führen können.

o Magersucht – (Anorexie)

Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung. Betroffene fühlen sich dick, auch wenn sie untergewichtig sind. Die Merkmale sind Untergewicht, Angst, dick zu werden, Ausbleiben der Regel, Verzögerung der körperlichen Entwicklung. Die körperlichen Folgeschäden sind Absinken von Puls, Blutdruck, Körpertemperatur, Müdigkeit, Verstopfung, Zahnschäden, Veränderung der Körperbehaarung, Schlafstörungen, Nervosität, Stimmungsschwankungen.

o Ess-Brech-Sucht – (Bulimie)

Bulimikerinnen verstecken ihre Krankheit, die oft mit Diäten beginnt. Sie stopfen Lebensmittel in sich hinein und erbrechen anschließend absichtlich aus Angst vor Gewichtszunahme. Nach außen sind dies oft selbstbewusste, beliebte Mädchen, die innerlich leer und verzweifelt sind. Die Merkmale sind Angst, dick zu werden, Heißhungeranfälle mit willentlichem Erbrechen bzw. Einnahme von Abführmitteln. Die körperlichen und seelischen Folgeschäden sind Schwellungen der Speicheldrüse, Speiseröhreneinrisse, Zahnschäden, Magenwand- und Nierenschäden, Herzrythmusstörungen, sozialer Rückzug, Depressionen, Selbstabwertung.

o Ess-Sucht

Esssüchtige versuchen durch übermäßiges Essen mit ihren Ängsten, ihrer Trauer, Wut und Einsamkeit fertig zu werden. Sie wollen ein "emotionales Loch" stopfen. Die Merkmale sind extremes Übergewicht oder ständige, starke Gewichtsschwankungen, Heißhungeranfälle. Die körperlichen und seelischen Folgeschäden sind Überlastungen des Herzens, des Kreislaufs und Skeletts, Leberschäden, Diabetes, sozialer Rückzug, Depressionen, Selbstabwertung. (Schluss) mmr/nk

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