Fragwürdige Sieger-Stunde Im Drama von St. Georgen gibt es keine Helden (Von Sabine Novak)

Nächtelang herrschte in und um St. Georgen Belagerungszustand. An allen Ecken standen Gendarmen in Uniform und Zivil. Nahezu jeder schien verdächtig. ãDilettantenÒ mussten sich die 150 Gendarmen schimpfen lassen, die von Tag zu Tag mehr unter Druck gerieten. Denn die Angst in der Bevölkerung hatte ein Maß des Unerträglichen erreicht. Die Bürger wagten kaum mehr, nachts das Haus zu verlassen. Die Kinder flüchteten sich ins elterliche Schlafzimmer, um nicht allein zu sein.
Und gestern wendete sich das Blatt. Aber diese Angst lässt sich nicht so schnell verdrängen. Das Bild der Gendarmen als strahlende Helden wird von der Realität verdunkelt. Denn ein 16-Jähriger steht plötzlich im Mittelpunkt, der sich sein Leben verpfuscht hat Ð was seine Taten freilich nicht entschuldigt. Seine Verwandten werden wohl lange brauchen, bis das Herz realisiert, was der Kopf weiß:
Einer aus ihrer Mitte gab zu, der zu sein, den sie so sehr fürchteten. Eine eigenartige Mischung von Bestürzung und Erleichterung macht sich bei anderen breit.
Und da stand sie nun gestern, wie auf der Bühne zum Schluss eines Theaterstücks Ð die Führungsriege der Exekutive. Der frischgebackene Sicherheitsgeneral höchstpersönlich war sogar von Wien in die ãProvinzÒ gereist, um nur ein paar knappe Begrüßungsworte zu sprechen. Für seinen Auftritt, hatte man eigens die Pressekonferenz verschoben. 15 Mann verbreiteten von einem Podium die Kunde über die Ergreifung des mutmaßlichen Brandstifters Ð der letzte Akt, der Vorhang fiel. Erfolg hat viele Väter. Der Satz ist abgedroschen, aber er drängt sich auf. Die Gerechtigkeit hat gesiegt Ð über einen 16-Jährigen, der sich verhielt wie ein Süchtiger, der immer wieder Drogen kauft. Er konnte nicht aufhören. Und er war Anlass für hohen Besuch aus Wien Ð ein Grund zum Feiern?
Diejenigen, die der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhalfen, müssen sich auch Kritik gefallen lassen. Von Bürgern, die sich von ihnen bespitzelt fühlten Ð zu Unrecht, wie nun klar ist. Schon vor mehreren Wochen war erstmals bei Befragungen im Ort der Name des Burschen gefallen. Der junge Mann war selbst einvernommen worden, wie Dutzende andere auch. Aber die Beamten konnten dem 16-Jährigen lange offenbar nichts beweisen. ãSie haben allzu lange gewartet, weil sie gewisse Hinweise lange nicht hören wollten, weil der Bursche von angesehenen Bürgern des Ortes stammtÒ, vermuten jene, die meinen, ihre Hinweise seien nicht ernst genommen oder genau genug überprüft worden.

Tatsache ist: Der Zündler hat die Gendarmen genarrt Ð nicht zuletzt dank seiner exakten Ortskenntnis als Feuerwehrmann Ð und ihnen mancherorts einen Ruf als ãDilettantenÒ eingebracht. Sie haben nun ihre Genugtuung Ð nicht zuletzt dank des Täterprofils des Wiener Kriminalpsychologen Thomas Müller, der wie schon bei der Briefbombenaffäre mit bewundernswerter Treffsicherheit aufgetrumpft hatte. Die Männer, Frauen und Kinder in St. Georgen Ð alle direkt oder indirekt Brandopfer Ð können wieder ruhig schlafen. Ein trauriges Kapitel der Geschichte des Ortes hat ein Ende Ð aber Platz für Sieger oder Helden gibt es in dem Drama nicht.

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