Ein Papst darf nicht abtreten

Diese Kirche predigt doch Opfer statt Barmherzigkeit
(Von Friedrich Gruber)

Es war, glaube ich, in der Mitternachtsmette im Petersdom in Rom, als der deutschsprachige Lektor die Fürbitte sprach, der liebe Gott möge diesen Papst in der Kirchenführung noch viele Jahre erhalten. Gnadenlos wirkte das im Lichte der TV-Scheinwerfer, die einen unendlich müden, unter Last gebeugten, erschöpften Johannes Paul II. zeigten.
Aber es geziemt sich offenbar nicht, Mitleid mit einem Papst zu empfinden. Die katholische Kirche sieht das als Schwäche, die sie nicht zeigen darf. Vielmehr verlangt sie Opfer statt Barmherzigkeit. Und ihr Papst hat das zum Ausdruck zu bringen.
Möglicherweise hat der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, auch diese Weihnachtssequenz gesehen und Mitleid empfunden statt Räson. Denn Lehmann ist ein guter Mensch. Das hat er im vorigen Jahr gezeigt, als er die auf christliche Hilfsbereitschaft aufgebauten Schwangeren-Beratungsstellen der deutschen Kirche gegen dogmatische Härte aus Rom verteidigen wollte:
Neben dem Hilfsangebot hatten die kirchlichen Berater nämlich auch Bestätigungen auszustellen, dass sich die Schwangere beraten hat lassen Ð gesetzliche Voraussetzung für die mögliche Abtreibung. Doch zurück zum Anfang: Jetzt hat Lehman nämlich über den Papst folgendes gesagt: Er traue dem Papst persönlich zu, dass er die Kraft und den Mut habe zu sagen: ãich kann das Amt nicht mehr so erfüllen, wie das nötig istÒ. Er sei jedoch unsicher, ob die Umgebung des Papstes und ãdiejenigen, die sonst Rat gebenÒ, damit einverstanden wären. Lehmann ist nicht nur ein guter Mensch, er ist halt auch kein guter Diplomat und Kirchenpolitiker Ð was heutzutage vielleicht einen Gegensatz bildet. Denn prompt wurden ihm in Medien und von Kurienbischöfen diese Worte als Ungeheuerlichkeit ausgelegt, als Aufforderung an den Papst, zurückzutreten.

Aber an so etwas darf man in dieser Kirche, die offenbar Gefangene ihrer weltlichen Geschichte und Machtstrukturen sowie ihrer Führungsideologie ist, nicht einmal denken. Denn bisher ist nur ein Papst aus eigener Verantwortung zurückgetreten: Coelestin V. vor über 700 Jahren. Sein Nachfolger ließ ihn dafür bis zum Tod einsperren Ð um eine Kirchenspaltung auszuschließen im üblen Geflecht weltlicher Einflussnahmen.
Es wirkt freilich auch jetzt nicht als Ausdruck von wirklicher Glaubensstärke, den Papst wieder mehr als Stellvertreter Gottes auf Erden hinzustellen, der völlig überhöht ist, der einen Alleinvertretungsanspruch oktroyiert, der sich im Prinzip nicht nur in definierten Glaubenssätzen für unfehlbar halten muss, und der natürlich nie zurücktreten kann zu uns herunter.

Dabei braucht der allgegenwärtige, menschgewordene Gott eigentlich keine Stellvertreter. Und die Frage ist, ob die Menschen unserer kalten Zeit eher Strenge oder Barmherzigkeit brauchen, ob sie autoritäre Rechthaber haben müssen, deren Unfehlbarkeit betont wird. Oder ob sie sich nach Glaubensmännern sehnen, die sagen, ich bin auch nur ein Mensch, sehr bemüht, aber fehlbar, gebrechlich und müde gemacht, ich bin alt geworden, ich bin nicht unersetzlich.

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