"DER STANDARD" Kommentar: Starke Idee, schwache Fakten Kreml-Chef Putin will Russland wieder groß machen - auf fragwürdiger Basis Josef Kirchengast

Ausgabe vom 11.1.2000

Wien (OTS) - "Er war eine jener idealen russischen Naturen, die
sich von irgendeiner starken Idee plötzlich überwältigen und auch sofort gleichsam zu Boden drücken lassen, und das manchmal sogar für immer. Solche Menschen haben nicht die Kraft, sich mit dieser Idee auseinander zu setzen, glauben aber leidenschaftlich an sie, und so verrinnt denn ihr ganzes Leben wie ein steter Todeskampf unter einem Felsblock, der auf ihnen lastet und sie schon halb zermalmt hat."

Dieses Zitat aus Fjodor Dostojewskijs Roman "Die Dämonen" könnte auf Boris Jelzin gemünzt sein. Aber es passt (noch?) nicht auf dessen vorläufigen Nachfolger Wladimir Putin. Noch dazu, wo Russlands amtierender Präsident mit der Entlassung von Pawel Borodin, einer der umstrittensten Figuren der Kreml-"Familie", soeben wieder Entscheidungswillen demonstriert hat.

Aber Putins Renommee innerhalb Russlands ist bis jetzt ausschließlich dem - allen Indizien zufolge planvoll provozierten -Tschetschenien-Feldzug geschuldet. Und dort scheint sich das Kriegsglück zuungunsten Moskaus zu wenden - was den Präsidenten zu einem Ablenkungsmanöver an der Heimatfront veranlasst haben könnte.

Wie Putin sich Russlands Zukunft - abseits von mörderischem Imponiergehabe wie derzeit gegen die Tschetschenen - vorstellt, darüber ist bisher ebenso wenig bekannt wie über seinen persönlichen Werdegang und seine soziale und weltanschauliche Prägung. Was man weiß, ist, dass er eine brillante Geheimdienstkarriere hinter sich hat, die ihn bis an die Spitze der KGB-Nachfolgeorganisation im Inland führte.

Politisch-programmatisch macht Putin sich in einem jüngst veröffentlichten Aufsatz für eine neue "russische Idee" stark. Diese enthält, immerhin, auch Redefreiheit und freies Unternehmertum. In ihrem Zentrum aber steht ein starker Staat als "Garant für Ordnung und Initiator für jegliche Veränderungen".

Hierin nun offenbart sich eine Denkweise, die für weiteste Bereiche der russischen Gesellschaft nach wie vor symptomatisch ist:
Das Heil kann nur von oben kommen, der Einzelne Wohlergehen und Geborgenheit nur in einem vom Staat bestimmten Ordnungssystem finden.

Dass Ordnung in einer pluralistischen Gesellschaft keinen Grund-, sondern nur einen Hilfswert darstellt; dass ein Staat nur dann stabil und somit wirklich stark sein kann, wenn die überwiegende Mehrheit seiner Angehörigen auch ein vitales persönliches Interesse daran hat und dieses Interesse mittels aktiver Kompromisssuche einigermaßen befriedigend durchsetzen kann - ein solches Staatsverständnis ist in Russland extremes Minderheitenprogramm. Was in einem Land mit jeder Menge autokratischer bis despotischer, aber keinerlei demokratischer Tradition nicht verwundern darf.

Selbst von einem wild entschlossenen Reformer und Modernisierer -der Putin nicht ist - wären daher keine raschen Veränderungen zu erwarten. Was dem jungen Kreml-Chef hingegen zugute kommt, ist sein im Geheimdienst gesammeltes Wissen um die wahren Verhältnisse im Land. Und aus seiner geheimnisumwitterten Agententätigkeit im Ausland muss ihm jedenfalls klar sein, dass Russlands strukturelle und technologische Rückständigkeit nur durch Kooperation mit dem Westen -und nicht in Konfrontation zu ihm - zu überwinden ist.

Für eine schonungslose Analyse des Ist-Zustandes bringt Putin also gute Voraussetzungen mit. Entscheidend sind jedoch die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht. Kann er sich von einem vermeintlichen russischen Sonderweg lösen - und von denen, die damit schon bisher auf Kosten des Volkes Milliarden gescheffelt haben?

Noch weiß man nicht, ob Putin an die "russische Idee" auch wirklich glaubt - oder ob er sie nur als politisches Instrument benutzt. Für westlichen Vertrauensvorschuss und neue Kredite besteht jedenfalls bis auf weiteres kein Anlass.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/0

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS