"Der Standard" Kommentar: "Wer will einen zahmen Haider?" (von Conrad Seidl) Die FPÖ muss wählen, bei wem sie glaubwürdig wirken will

Ausgabe vom 7.1.2000

Wien (OTS) - In den letzten Wochen konnte man einen neuen Haider kennen lernen. Einen, der sich lächelnd zurücklehnte und die anderen gewähren ließ. Das Bild, das die Koalitionsverhandler boten, sprach ohnehin für sich - hämische Kommentare aus Kärnten hättenHaider keine zusätzlichen Punkte gebracht. Im Gegenteil: Die FPÖ würde sich durch Sprücheklopfen jegliche Chance verbauen, in der Regierung mitspielen zu dürfen. Allzu groß ist diese Chance ohnehin nicht: Jörg Haiders Auftritte mit ehemaligen SS-Männern und die internationalen Reaktionen auf seine oftmals groben Äußerungen sind auch denen noch in Erinnerung, die in einer blauen Regierungsbeteiligung eine Chance für Reformen sehen. Also üben sich Haider und die Seinen im Leisetreten. Über die Feiertage hatten sie sich fast vollständig zurückgezogen und an einer eigenen Regierungserklärung gebastelt. Wenn Haider bei seiner Neujahrsrede am Sonntag und bei der Präsentation seines Programms in der kommenden Woche klug auftritt, dann wird dieses Programm auch ernst genommen werden. Zumindest in den Qualitätsmedien. Zumindest bei den Politikern anderer Parteien, die sich eine Zusammenarbeit mit der FPÖ vorstellen können. Wenn sich steirische ÖVP-Politiker mit der Steuer-Radikalkur Flat-Tax anzufreunden beginnen, dann wird das diejenigen freuen, die sich mit dem Konzept des US-Ökonomen Alvin Rabushka identifizieren. Aber wer tut das schon? Die Mehrheit der FPÖ-Wähler hat von dem kalifornischen Professor nie gehört und kann sich auch nicht recht vorstellen, was sich hinter der Flat-Tax versteckt - noch dazu, wo die FPÖ das Modell mit einigen entscheidenden Kompromissen verwässert und damit unverständlich gemacht hat. Dem "kleinen Mann", den die FPÖ vertreten will, sagt das ebenso wenig wie die Kritik anderer Ökonomen an Rabushka. Der durchschnittliche Haider-Wähler will einen Haider, der den Mächtigen auf die Finger klopft - und nicht einen, der sich in Rechenaufgaben verliert. Aber diesen Haider gibt es derzeit nicht. An den Stammtischen wird er bereits vermisst. Denn dort kommt Politik am besten an, wenn sie als Bauernschwank mit grob geschnitzten Charakteren und klar verteilten Rollen aufgeführt wird. Zumindest mittelfristig muss die FPÖ diesen Publikumserwartungen gerecht werden. Das wissen die Funktionäre von Haider abwärts. Genauso gut wissen es diejenigen, die ernsthaft erwägen, mit der FPÖ zu koalieren. Manche erinnern sich noch an die Zeit der kleinen Koalition, zu der Jörg Haider sein Profil gewann - und zwar dadurch, dass er kein gutes Haar an der Regierung ließ, in der seine eigene Partei saß. Der Wiener ÖVP-Chef Bernhard Görg hat daraus den Schluss gezogen, dass man - wenn man sich auf das Abenteuer einer Koalition mit den Freiheitlichen überhaupt einlassen will - den öffentlichkeitswirksamen Partei chef schon persönlich in die Regierung einbinden müsste. Sitzt Haider am Regierungs tisch, sitzt er praktisch in Geiselhaft. Genau das aber will Haider nicht - am Freitag hat er deut licher als je zuvor ausgeschlossen, selber in die nächste Bundesregierung zu gehen. Das ließe ihm eine Menge Freiheit, sein Publikum nach Belieben zu bedienen. Wenn dieser Eindruck haften bleibt, sind die für Haider schon greifbaren Chancen, seine Partei nicht nur zu Wahlerfolgen, sondern auch in eine Regierung zu führen, bis auf weiteres dahin. Was aber, wenn Haider zahm wird - und seine Chance erhält? Das würde einen Teil seiner Fans genauso enttäuschen wie seine Kritiker. Haider selber scheint es zu fürchten, wenn er sagt, sich "nicht mehr unter die Leute trauen" zu können, wenn seine Partei in Kernfragen Kompromisse macht. Aber Kompromisse gehören zum Regieren, auch wenn das für viele Haider-Wähler unverständlich ist.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef vom Dienst
Tel.: 53170-487

DER STANDARD

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS