"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Schwelle überschritten" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 1.1.2000

Graz (OTS) - Das war also die Nacht der Nächte: So viele Champagnerkorken haben noch nie geknallt und so glühend-sprühende Feuerwerke hat es bisher noch nicht gegeben wie in der Silversternacht an der Jahrtausendwende.

Die Generationen vor uns haben das Jahr 2000 als ein geheimnisvolles, ja bedrohliches Tor in die Endzeit oder einen Neuanfang empfunden. Nun, da wir die Schwelle überschritten haben, erkennen wir, dass weder der von Apokalyptikern prophezeite Weltuntergang eingetreten noch ein mythisches Utopia angebrochen ist.

Recht bald wird auch die fiebrige Millennium-Manie abgeklungen sein. Überall stießen wir auf diesen Begriff :In den Rückblenden und Vorschauen der Zeitungen und Rundfunkanstalten, in den Inseraten für Sekt und Kaviar, in den Hit-Listen der Discjockeys. Das Millennium wurde zum Wort des abgelaufenen Jahres, das nicht nur das letzte eines Jahrhunderts, sondern auch das letzte eines Jahrtausends war.

Mit der Rückkehr zur Normalität des Alltags wird uns wieder bewusst, dass jede Zukunft eine Vergangenheit hat. Es ist ein ernüchternder, zugleich aber auch beruhigender Befund: Die meisten Entwicklungslinien ins dritte Jahrtausend sind bereits festgelegt, der Handlungsspielraum ist nicht unbegrenzt, sondern eingeengt. Allerdings kommen zusätzliche Herausforderungen auf uns zu. Wie lässt sich Solidarität mit Globalisierung vereinbaren? Wie kann das Individuum, wie die Familie überleben, wenn das Kapital rund um den Erdball mobil ist und alle Barrieren überspringt, die Arbeitskraft aber an Heim und Heimat gebunden ist? Gibt es angesichts der weltweiten Fusionen überhaupt noch den Primat der Politik oder werden die Konzerne diktieren, was die Regierungen zu tun und zu lassen haben?

Wie wird die Gesellschaft das Internet nutzen und die Digitalisierung verkraften? Werden wir uns durch den Konsum unzähliger Fernsehprogramme zu Tode amüsieren bzw. fadisieren? Wird es noch den Greißler um die Ecke geben oder werden wir die Pizza online bestellen? Überrollt uns die Verkehrslawine und geht uns das Benzin aus, weil wir mit den Erdölreserven verschwenderisch umgehen? Wie lange hält der Generationenvertrag, wenn immer weniger Junge für immer mehr Alte die Pensionen finanzieren müssen? Wird die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer, hier bei uns in Österreich und vor allem zwischen Nord und Süd, zwischen den IndustÖ-rie- und den Entwicklungsländern, die von der Last der Schulden erdrückt werden?

Fragen über Fragen. Und Ängste. In der Finsternis der Silversternacht zum Jahr 1000 fürchteten sich die Menschen vor dem Weltenende und dem Jüngsten Gericht, in der künstlichen Helle der Silvesternacht zum Jahr 2000 fürchtete man sich vor dem Versagen von Computerchips. Ein Symbol für die Säkularisierung, zweifellos. Der Kalender, der von der 2000. Wiederkehr der Geburt Christi ausgeht, sollte uns jedoch gerade zur Zeitenwende daran erinnern, dass wir immer unterwegs sind: von einem Anfang, der uns geschenkt wurde, bis zu einem Ende, dessen Zeit und Stunde wir nicht kennen. ****

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