"Neues Volksblatt" Kommentar: "Das Leben ist spannend" (Von Franz Rohrhofer)

Ausgabe vom 31. 12. 1999

Linz (OTS) - Wenn dieses Neue Volksblatt, das Sie jetzt in
Händen halten, einen Tag alt sein wird, werden Sie endlich wissen, ob die Welt noch steht oder nicht. Wir schreiben dann den 1. Jänner 2000! Vielleicht werden Sie nachträglich ein wenig lächeln über die Hysterie, mit der dem angeblich neuen Jahrtausend entgegengefiebert wurde. Und Sie werden vermutlich sehr rasch zur Tagesordnung übergehen. Trotzdem sollten wir die Verunsicherung, die sich angesichts dieses auffälligen Wechsels einer Jahreszahl breitmacht, nicht unterschätzen. Der Mensch fühlt sich bei allem technischen Fortschritt schnell dem Unfassbaren ausgeliefert. Wir Österreicher wurden im abgelaufenen Jahr in dieser Hinsicht hart angepackt. Die Lawinen von Galtür, die Gasexplosion von Wilhelmsburg, die toten Mädchen im Berg-Isel-Stadion - Ereignisse, die unsere gewohnte Vorstellung von Unfall und menschlichem Leid überschreiten. Wieso treffen uns solche Vorfälle so unerwartet tief? Eine Erklärung ist, dass dank der Massenmedien Katastrophen heute als Mega-Ereignisse zelebriert werden. Wer hat schon stunden- und tagelang live berichtet, als die Dinosaurier einer Umweltkatastrophe zum Opfer fielen oder Rom unter Nero niederbrannte? Eine zweite Erklärung ist, dass wir eben glauben, alles gesichert und fest im Griff zu haben. Unsere Kleinheit, unsere Hilflosigkeit trifft uns umso härter. Das lässt uns selbst einem harmlosen Datumswechsel mit Unbehagen entgegensehen. Doch besteht kein Grund zum Weltpessimismus, wie ihn manche Propheten mit Genuss verbreiten. Der Mensch hat bis jetzt immer mit Katastrophen gelebt, ist mit ihnen fertig geworden und hat Gott sei Dank sehr oft aus ihnen gelernt - auch eine Ouelle des Fortschritts. Für die Menschen war die Erfahrung immer schmerzlich, für spätere Generationen ist sie oft nur mehr Geschichte. Wichtig ist die Erkenntnis, dass vielem Unfassbaren auch menschliches Versagen im weitesten Sinn zugrundeliegt, was umgekehrt bedeutet, dass es auch am Menschen liegt, daraus zu lernen und vorzubeugen. Leben ist immer lebensgefährlich, hat ein Satiriker gemeint. Leben ist aber auch ungemein spannend - es aktiv zu meistern und nicht zu resignieren. Das gilt für alle Bereiche, auch für die Politik. Eine neue Koalition, mit wem immer, ist ein Risiko, das die ÖVP zu spalten droht, meinen viele. Warum spricht keiner von der Chance, endlich Neues, mit wem immer anzupacken?

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