"Neue Zeit" Kommentar: "Wunsch an die Zukunft" von Josef Riedler

Ausgabe vom 31.12.1999

Graz (OTS) - Wunsch an die Zukunft Das ist der letzte Tag jener hundert Jahre, deren Jahreszahl nach unserem Kalender mit "19" begonnen hat. Es sind jene hundert Jahre, in denen die schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen die Menschheit begangen wurden, die es in der Geschichte gegeben hat. Das schrecklichste und mit nichts zu vergleichende Verbrechen hatte seinen Ursprung inmitten Europas, wo in zivilisierten Ländern, in Gesellschaften mit großem kulturellen Anspruch und Erbe sich zunächst schleichend und dann explosionsartig die kollektive Geisteskrankheit des Faschismus und des Nationalsozialismus ausbreitete. Nie vorher hätte ein vernünftiger Mensch glauben können, dass ein Verbrechen wie der Holocaust verübt werden könnte. Vielleicht auch, weil die Völkermorde der abendländischen Christenheit in Amerika längst in die Vergessenheit gedrängt sind. Und wenn auch die Verbrechen des Hitlerismus alle anderen Verbrechen des Zwanzigsten Jahrhunderts in einen finsteren Schatten stellen, darf man sie nicht übergehen. Angefangen von den versuchten Völkermorden im Mittleren Osten, deren Opfer Armenier oder Kurden waren, über die wahnsinnigen Verbrechen des Stalinismus, der chinesischen Revolution, der Japaner im japanisch-chinesischen Krieg, der europäischen Kolonialmächte in Afrika, Asien und in Teilen des südlichen Amerika bis hin zur kriegerischen Anwendung der Atomkräfte. Es gibt viele Menschen die glauben, die großen Verbrechen gegen die Menschheit hätten wir hinter uns, sie könnten sich nie mehr wiederholen. Sie glauben an die Vernunft im Menschen und an die Güte eines göttlichen Wesens, das, allmächtig, die Geschicke der Menschheit lenkt. Allein, das göttliche Wesen hätte die Geschicke schon in den vergangenen tausend Jahren liebevoll lenken können. Und um so viel gescheiter als Sokrates vor zweitausendvierhundert Jahren oder Kant vor zweihundert Jahren oder Karl Popper vor zwanzig Jahren ist die Menschheit heute sicher auch nicht. Das ist eine ganz simple Wahrheit, eine Erkenntnis allerdings, die nach handfesten Konsequenzen verlangt: Das Beten und das Gut-sein-wollen des Einzelnen wird die Gefahren neuer Völkermorde, neuer Verbrechen gegen die Menschheit nicht bannen. Den Katastrophen der vergangenen hundert Jahre stehen aber auch Erkenntnisse gegenüber, die zwar nicht neu sind, deren nützliche Anwendung in weiten Teilen der Welt freilich erst seit kurzem praktisch möglich ist. Ein Beispiel: Die Idee der Demokratie entstammt dem griechischen Altertum. Ihre Durchsetzung in ganz Europa ist im wesentlichen erst in der jüngsten Vergangenheit möglich geworden. Nun hat Europa eine Grundlage, die Menschenrechte auf dem ganzen Kontinent durchzusetzen. Das ist politische Arbeit und das ist viel Arbeit in den kommenden Jahrzehnten. Morgen ist der erste Tag jener hundert Jahre, deren Jahreszahl mit "20" beginnen wird. Der Wunsch an die Zukunft, die Menschheit möge in dieser Zeit von den Katastrophen und Verbrechen der abgelaufenen hundert Jahre verschont bleiben, kann nur eine Aufforderung an unsere Generation und an die unserer Kinder und Enkel sein: Nicht nur aus der Vergangenheit zu lernen, sondern konsequent eine Politik zu machen, mit demokratischen Mitteln auch zu erzwingen, die die Grundsätze der Menschenrechte achtet und durchsetzt. Das muss für jedes Dorf, für jeden Staat, für die ganze Welt gelten.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Neue Zeit, 0316/2808-306

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PNZ/OTS