"Der Standard" Kommentar: "Internet und der Reiz des Alten" (von Gerfried Sperl)

Ausgabe vom 31.Dezember/1./2.Jänner 2000

Wien (OTS) - Die Internet-Explosion lässt die 90er-Jahre in einem gleißenden Licht erscheinen. Sie prägt die Zeit, als sei sie voller revolutionärer Neuerungen. Sie markiert die Jahrtausendwende ähnlich wie der Buchdruck vor 550 Jahren. Wie sich das in den 90er Jahren aber auch ins Negative kehren konnte, zeigen die Kriege am Ende des Jahrhunderts - der Golfkrieg mit einer noch nie da gewesenen Vernebelungstaktik gegenüber den Medien. Und die Balkan-Kriege mit ihren punktgenauen, die Täter schonenden Bombardements. Die "Ungenauigkeiten" zu Lasten tausender ziviler Opfer und die kriegsverlängernden Verwüstungen durch vergrabene Landminen konnte man leicht wegstecken, weil es jeweils das personifizierte Böse gab und gibt, die Rechtfertigung für alles. Die Kombination von Moraltheologie und perfekter Technologie ist das Erfolgskonzept dieser Jahre. Die Politik selbst aber hat sich nicht weiterentwickelt, über die Demokratie wurde fast nur in einer Richtung weitergedacht: Wie kann man sie für autoritäre Ziele nützen, ohne dass man es merkt? Das Neue dieses Dezenniums ist Hülle, die Inhalte sind meistens adaptierte Schnipsel der Vergangenheit. Die österreichischen Wahlen wurden vom Aufstieg eines Mannes dominiert, der die Stimmen der Vergangenheit in Wählerstimmen für die Zukunft verwandelte und der die Instrumente direkter Demokratie auf letztlich eine simple Frage bringt: Leute, wollt Ihr mehr verdienen? Die internationale Wirtschaft griff auf liberale Instrumente zurück, die den Staat auf die Verantwortung für gute Rahmenbedingungen reduzieren. Das entspricht einer selbstbewussten Industrie und einer wachsenden Verflechtung über die Grenzen hinweg. Aber nur wenige fragen, wer die möglicherweise hohen sozialen Kosten trägt, wenn Deregulierungen und Fusionierungen zu neuen Monopolen führen. Globalisierung auch in der Kultur. Die grossen Inszenierungen ziehen weiter wie einst die kleinen Wanderbühnen. Die Kulturszene ist übersät von Zitaten des Alten. E-Musik und bildende Kunst plündern in den Archiven einer Tradition, die man ablehnt, um sie besser benützen zu können. Und in den Medien klettern die Quoten mit dem Ausmass der Schamlosigkeit und der Spekulation mit Erinnerungslücken. Selbst die Sprache der politischen Funktionäre hat sich an den Umbrüchen noch nicht orientiert. Dass die ÖVP unmittelbar nach der verlorenen Wahl die Weichen Richtung Opposition gestellt hat, zeugt von einer Mentalität der Eisenbahnspieler grossväterlicher Machart. Weder Video-Clip-Kids noch Online-Konsumenten können solchen Bildern irgendetwas Neues abgewinnen. Jörg Haider, der sich, quotenbewusster, in Kleidung und Wortwahl eher an Talkmaster des deutschen Privatfernsehens orientiert, hat sich die neue Bilderwelt noch nicht zu eigen gemacht. Er ist mehr Viva als Internet. Alexander van der Bellen entspricht am ehesten dem coolen, unaufgeregten Layout der Websites. Viele Frauen wiederum laufen Gefahr, aus ihrem Recht auf Karriere den Fehler zu unterschätzen, Methoden und Rhetorik erfolgreicher Männer zu kopieren. Johanna Dohnal wurde leider selbst von Standard-Leserinnen nur marginal als wichtige Persönlichkeit der Zeit eingestuft. In dieser Mischung von altem Unbekannten und neuen Rätseln, in dieser aufregenden Zeit, da wir erstmals via Internet die Chance haben, Unendlichkeit zu erfahren und zu begreifen, feiert angeblich Totes neue Triumphe. Für den Jahrtausendwechsel hat sich kein deutsches Wort durchgesetzt, aber auch kein englisches, sondern ein lateinisches. Ärzte haben dereinst Lateinisch gesprochen, wenn sie im Konsilium am Krankenbett oder vor Angehörigen Schreckliches und Unabänderliches verheimlichen wollten. Haben wir zum Wort Millennium deshalb so viel Zutrauen, weil es letztlich ebenfalls verschleiert, was auf uns zukommt?

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