"Die Presse" Kommentar: "99,00 - und aus?" von Norbert Rief

Ausgabe, Mittwoch, 29. 12. 99

Wien (OTS) - Der Leitartikler der "Neuen Freien Presse" schwelgte
in der Ausgabe vom 31. Dezember 1899 in literarischer Euphorie: "Mehr als der prophetische Dichter selbst es ahnte, ist in demselben (19. Jahrhundert) der Mensch Herr der Natur geworden, ,die seine Fesseln liebet, die seine Kraft in tausend Kämpfen übet und prangend unter ihm aus der Verwilderung stieg." Und jetzt, 100 Jahre später, haben wir den Salat: Noch weiß niemand, ob wir am 1. Jänner 2000 noch Wasser oder Strom haben - ja, manche zweifeln gar, daß wir diesen Jahreswechsel überhaupt überleben. Die USA haben alle Diplomaten samt Familien aus Rußland abgezogen weil sie befürchten, daß die Atomkraftwerke, aber auch die atomaren Waffen-Schaltzentralen nicht Jahr-2000-tauglich sind. Was tatsächlich beim Sprung von 99 auf 00 passieren wird, das traut sich niemand zu sagen. Die Prognosen reichen von "Nix" bis eben zum Untergang der Welt. Kleine Fehler haben sich jetzt schon gehäuft: So erhielten beispielsweise Bewohner von Aachen in Deutschland, die sich im Dezember ein Buch ausliehen, eine Mahnung, daß sie mit der Rückgabe 100 Jahre im Verzug sind; in München wiederum sollten 426 Bürger 100 Jahre Säumniszuschlag auf Erlagscheine zahlen. Als die Programmierer in den 60er und 70er Jahren wegen zu geringer Speicher der damaligen Computer auf die ersten zwei Ziffern bei der Jahreszahl verzichteten, hätten sie sich wohl nie gedacht, welche Folgen das hat. Billionen Schilling sind weltweit zur Behebung des Problems investiert worden - mit welchem Erfolg, wird sich allerspätestens am Montag zeigen, wenn in den Büros wieder der Alltag herrscht.

Die kleinen Leiter aus Silizium beherrschen unser Leben und sind die Nervenstränge, die das Funktionieren dieser Welt sicherstellen. Kaum ein Gerät, das ohne sie auskommt - sei es die Mikrowelle, der Geschirrspüler, die Gastherme, das Auto, die Stereoanlage oder das Telephon. Wozu ein Geschirrspüler genau den Chip braucht - niemand weiß es. Aber in Zeiten, in denen an Kühlschränken und Mikrowellen gearbeitet wird, mit denen man gleichzeitig im Internet surfen kann, kennt die Technik-Euphorie eben keine Grenzen mehr. Je mehr ein Kastl blinkt und kann, desto besser. Daß mehr als die Hälfte der Besitzer eines Videorecorders nicht in der Lage sind, das Gerät zu programmieren, interessiert die Industrie kaum - Hauptsache, das Ding kann fünf Jahre im vorhinein programmiert werden und für die nächsten zehn Jahre automatisch den "Musikantenstandl" aufnehmen. Dieser Technik-Fanatismus könnte uns jetzt auf den Kopf fallen.

Natürlich wollen wir auf all die kleinen Annehmlichkeiten nicht verzichten und natürlich wird alles noch viel angenehmer (schlimmer?) werden. Wie anfällig unsere Welt aber jetzt schon ist, zeigt sich nicht nur in dem banalen Problem von zwei fehlenden Ziffern. Eine Studie des US-Verteidigungsministeriums kommt zum Schluß, daß man mit zehn erfahrenen Computer-Hackern die gesamten Vereinigten Staaten lahmlegen kann. Und hinter den dicken Mauern des Pentagon arbeitet man mit Hochdruck am Cyber-Krieg. "Information Warfare", Angriffe auf die Computersysteme des Feindes, ist das neue Schlagwort. Im 21. Jahrhundert werden Kriege nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern via Computer geführt.

Nein - kein Aufruf zurück zur Natur, zur Technik-Verweigerung. Die Computerisierung der Gesellschaft, die Schaffung der Informations-Gesellschaft, ist zweifellos der größte Sprung in der Sozialgeschichte seit Erfindung der Dampfmaschine oder des Buchdrucks. Aber dieser Jahreswechsel sollte Signal für einen nüchterneren und bewußteren Umgang mit der Technik sein.

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