Das WirtschaftsBlatt: "Der (Sturz-)Flug in die Umnachtung" von Gerald Stefan

Kommentar, Ausgabe vom 29.12.1999

Wien (OTS) - Die Reporter des "Spiegel" müssen sich wirklich wundern: Für sie war es bloss Scherz am Rande, dass Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky als fünfzehnfacher Vielflieger auf WestLB-Tickets aufscheint. Das brachte eine schnodderige Erwähnung - plus Foto mit Gattin. Motto: Uriger Alpenbewohner, vollkommen masslos. Und so sympathisch unbedarft, dass er auf den Abrechnungen ganz korrekt als "Bundeskanzler" aufgeführt ist, wie man hört. In Österreich, offensichtlich mit dem Kaliber bundesdeutscher Enthüllungen nicht vertraut, sorgt die Vranitzky-Affäre zwar mit Recht für Aufregung -aber aus dem falschen Grund. Dass der Kanzler nicht nein sagte - egal ob er das private oder staatliche Budget schonen wollte -, ist zwar schlimm genug. Wahrhaft tragisch ist aber, wie unbedarft die Kommentare seiner Politikerkollegen sind. Sie haben offensichtlich nicht begriffen, warum man in ihrem Job keine Geschenke annehmen darf. Und das ist ein echtes Problem für unser Land.

Jörg Haider macht es noch am besten: Er fordert einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Motto: Das passt immer. Kleines Problem: Der Einstieg der WestLB bei der Bank Austria -mutmasslich durch Nettigkeiten für SP-Politiker unterstützt - fällt in die (durchaus sagenumwobene) Machtsphäre der Gemeinde Wien und nicht der Republik. Noch weniger Erleuchtung beweist freilich ein kämpferischer Genosse: Der Kärntner SP-Landesgeschäftsführer Hermann Riepl, ausgerüstet mit dem intimen Wissen des Eingeborenen, will Vranitzky zur Seite stehen, indem er Haider angreift: Dieser lasse sich regelmässig Wahlwerbung plus Flüge von unbekannten Gönnern finanzieren (was stimmt). Und er fliege öfter als Vranitzky, ergo sei er der grössere Sünder. Dieses unfreiwillige Eingeständnis mag erheiternd sein - noch dazu weil SP-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas den Gedanken blitzartig und völlig umnachtet aufgriff. Dem Ganzen wird freilich von niemand Geringerem als Bundespräsident Thomas Klestil die Krone aufgesetzt. Der wurde selbst angegriffen, weil er seinerzeit von Tirols Unternehmerdynastie Swarovski auf Flüge mitgenommen wurde. Und schlägt jetzt in unnachahmlicher Weise zurück:
"Das ist etwas völlig anderes, denn es handelt sich um Geld aus der Privatwirtschaft." Bitte endlich merken: NICHT nehmen. Selbst wenn's privat ist. (Schluss) gst

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