"Kurier"-Kommentar: Von Sinn und Unsinn der vielen Umfragen

(von Alfred Payrleithner) - Ausgabe vom 27.12.1999

Wien (OTS) - Zwischen Weihnachten und Neujahr wird gerne Inventur gemacht. Schlägt sich ein größerer Kalendersprung hinzu, wird Bilanzieren nachgerade zur medialen Pflicht. Mangels sicheren Wissens, wohin die Zukunft führt, werden andere befragt, die sich auch nicht auskennen.

Auf diese Weise entsteht der Zeitgeist. Vom persönlichen Gottesglauben bis zur Häufigkeit des Partnerwechsels, vom Urlaubsverhalten bis zur politischen Präferenz wird abgefragt, was eben so läuft. Orientierung durch Polls und Ratings. Die große Meinungsforschungs-Demokratie. Regelmäßig entstehen dann Widersprüche. Etwa wenn eine Mehrheit von Österreichern sowohl an einer europäischen Sicherheitsgemeinschaft teilnehmen als auch an der Neutralität festhalten möchte. Was sich nach den Gesetzen der Logik ausschließt. Denn wer neutral sein möchte, muss ganz allein bleiben -genau so wie die Schweizer.

Aber allein schon die Erfahrung, dass man mit anderen seine innere Spaltung teilt, beruhigt. Und jegliche Meinungsänderung, so wissen es die Psychologen, beginnen mit einem "sleeper"-Effekt: Starke Überzeugungen werden nicht plötzlich gewechselt, sondern schrittweise, beginnend an kleinen Seitenfronten. Eine gewisse Unsicherheit ist das erste Zeichen für bevorstehende Meinungsänderungen und langsam können dann neue Einsichten Platz greifen.

Deshalb wären die Politiker schlecht beraten, würden sie allzu viel Wert auf aktuelle Umfragen legen. Was zählt, ist die aufkommende Meinung, das, von dem die Menschen gefühlsmäßig annehmen, dass es in den nächsten Jahrzehnten wohl kommen wird. Sinnvoll wären somit Fragen nach dem, was für wahrscheinlich gehalten wird.

Etwa so: Glauben Sie, dass bis 2030 die Bedeutung und der Einfluss des Staates in der Wirtschaft eher zu- oder eher abnehmen wird?

Glauben Sie, dass man angesichts des würgenden Schuldenbefunds eher mit weiteren Sparpaketen oder mit neuen Kreditaufnahmen rechnen muss?

Glauben Sie, dass sich die Pragmatisierung der Beamten im bisherigen Umfang aufrecht erhalten lassen wird?

Glauben Sie, dass sich die Pensionssicherung künftig mehr nach dem Drei-Säulen-Modell (Umlagesystem, Betriebszuschuss, Eigenvorsorge) richten wird, oder dass alles so bleibt wie bisher?

Und schließlich: Glauben Sie, dass innerhalb eines völlig gewandelten, neuen Europa Österreichs Stellung und Status immerzu gleich bleiben wird?

Aus den Antworten ließe sich durchaus konkrete Politik ableiten. Man belästige die Wähler bloß nicht mit allzu viel Detailfragerei. Da alles mit allem zusammenhängt, könnten daraus auch gar keine vernünftigen Schlüsse gezogen werden. Menschen wollen nicht nur vertreten, sie wollen auch geführt werden. An diesem Kriterium wird die neue Regierung gemessen werden.
ß

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