Kurier: Der ganz andere Millenniumstest

Ausgabe vom 23.12.1999

Wien (OTS) - KURIER-KOMMENTAR von Alfred Payrleitner über Zwangsarbeit, Geldund nationalen Anstand=

Schon in der Vorwoche war für ehemalige
NS-Zwangsarbeiter Weihnachten: Deutsche und amerikanische Regierungsvertreter einigten sich nach mühseligem Tauziehen auf eine Entschädigungssumme von 10 Milliarden Mark - siebzig Milliarden Schilling. Das bedeutet, dass Österreich nun "als Nächster dran ist", wie es der US-Anwalt Michael Hausfeld formulierte. Man sollte ihm den Spaß an diesem Erpressungszirkus der Sammelkläger verderben: Indem unser Land selber die Initiative ergreift und eine vergleichbare Lösung anbietet. Freiwillig und ohne auf Boykottdrohungen zu warten. Einfach weil es sich gehört - bloß aus Stolz, nationalem Anstand und politischer Klugheit. Wird die schuldengebeutelte Republik diese Größe aufbringen? Es stimmt schon: Rein rechtlich gesehen stehen die Forderungen der Zwangsarbeiter - die Hälfte waren Frauen - schlecht. Österreich ist nicht Rechtsnachfolger des 3. Reichs, und verjährt wären diese Klagen auch schon lange. Selbst die Deutschen hätten sich juristisch nicht beeindrucken lassen müssen. Soeben wurden in New Jersey eingebrachte Einzelklagen vom Gericht abgewiesen. Dennoch werden sie nun zahlen. Aus guten Gründen: Weil die US-Regierung garantiert, dass weitere Verfahren niedergeschlagen werden und weil es vor der Geschichte richtig ist.

Die Einsicht muss sich bei uns erst durchsetzen. Schon seit Jahren wird diese Causa hin- und hergewälzt. ÖVP und bemerkenswerter Weise auch die Freiheitlichen hören zumindest höflich zu, doch bei der SPÖ betreibt man Verzögerungstaktik. Indes die Restzahl der einstigen Sklavenarbeiter weiter schrumpft. Besonders Polen und Ukrainer kamen bisher schlecht weg: Als "Ostmenschen" auf der untersten "Lohn"-Skala fielen sie später auch noch bei den deutschen Entschädigungsgesetzen durch. So kam es zur grotesken Situation, dass Pritschengenossen von einst völlig ungleich behandelt wurden - geteiltes Leid, doch unterschiedliche bis gar keine Wiedergutmachung. Nun sind die Übriggebliebenen so zwischen 70 und 80 Jahre alt. Auch in Österreich haben viele Firmen ihre moralische Verpflichtung erkannt. Doch ohne die Republik als Partner kann es keine echte Lösung geben. Schließlich braucht es auch Abgeltungen für die früheren Landarbeiter, viele waren in den Staatsforsten beschäftigt. Natürlich wird es einen Handel über die Höhe der Entschädigungssummen geben, die Vorstellungen schwanken zwischen 35.000 und 100.000 Schilling pro Kopf. Zwischen Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und angeforderten KZ-Insassen sollte unterschieden werden. Zwang war immer dabei. Doch letztlich wird man sich einigen. Für die Firmen werden die allzu späten Zahlungen Abschreibeposten sein. Der Rest ist eine Haltungs-und Intelligenzfrage. Auch ein Millenniumstest.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Kurier
Tel. 01/52100-2630

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU/OTS