"Die Presse" Glosse: "Rinderwahn, bitte warten" (von Friedrike Leibl)

Ausgabe vom 22. Dezember 1999

WIEN (OTS) - Der Todessprung über die Artengrenze ist kein bloßes Horrorszenario mehr: Die Rinderseuche BSE kann auf Menschen übertragen werden. "Ein großer Teil der britischen Bevölkerung", so die Wissenschaftler, die den Nachweis erbrachten, sei einem "enormen Ri siko" ausgesetzt. Vielleicht hundert, vielleicht aber auch Hunderttausende Briten könnten der tödlich verlaufenden "neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit" (nvCJD) zum Opfer fallen, gab der oberste Gesundheitsbeamte der britischen Regierung bekannt:
"Wir müssen abwarten". Die Inkubationszeit beträgt rund zehn Jahre. "Wait and see" war von Anfang an die britische Reaktion auf die Rinderseuche gewesen. Die Chronologie des BSE-Skandals ist die Aneinanderreihung von politischer Unfähigkeit, bewußter Verschleierung und systematischem Betrug. Erst nach monatelangem Druck hatte die konservative Regierung 1996 einen möglichen Zusammenhang zwischen BSE und CJD zugegeben. Die Konsequenzen: Alle Rinder, die älter als 30 Monate waren, mußten geschlachtet werden. Der Rindfleischmarkt brach völlig zusammen.

Nun enthüllte ein Regierungsbeamter, daß die Aufzeichnungen über die Massenschlachtungen "systematisch gefälscht" worden seien. BSE-infiziertes Fleisch könnte demnach weiterhin in der Lebensmittelkette enthalten sein, behauptet die "Sunday Times". Die Bevölkerung reagiert auf die alarmierenden Nachrichten vorerst gelassen. Zum einen gehört "British Beef" zu den nationalen Heiligtümern, ähnlich wie Fish & Chips oder Yorkshire Pudding. Rindfleisch zu essen, gilt nach wie vor als Zeichen des Wohlstands. Zum anderen schafften es sowohl die konservative wie auch die nachfolgende Labour-Regierung in einer beispiellosen Medien-Kampagne, den Schwarzen Peter für die zum Teil existenzvernichtenden Folgen der EU zuzuschieben. "Der Haß auf die Länder, die unser Fleisch nicht wollen, überschattet alles", erklärt ein betroffener Bauer aus Südengland. Bisher starben 48 Briten an der gehirnzerstörenden Krankheit nvCJD. "Nur die Spitze des Eisbergs" _ das befürchtet die Untersuchungskommission der Regierung nach knapp zweijähriger Forschungstätigkeit. "Aber wir müssen abwarten", heißt es auch hier.

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