"Presse" Kommentar: "Die vergessenen Kolonialmächte"

(von Karl-Peter Schwarz) Ausgabe vom 20. Dezember 1999

Wien (OTS) - Mit der feierlichen Übergabe der Insel Macao an die Volksrepublik China endete am Sonntag um punkt Mitternacht die 500jährige Geschichte des Engagements europäischer Kolonialmächte in Asien. Die Portugiesen, die nun als letzte den Kontinent verlassen haben, waren die ersten gewesen, die ihn betreten hatten: Nach Vasco da Gamas Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung entstanden Anfang des 16. Jahrhunderts die ersten portugiesischen Stützpunkte an der indischen Küste.

Europa hat keinen Grund, auf das kolonialistische Kapitel seiner Geschichte besonders stolz zu sein. Es hat aber auch keinen Grund, sich dafür besonders zu schämen. Die positiven und die negativen Auswirkungen des Kolonialismus halten einander in etwa die Waage.

Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten haben in Asien blutige Kriege geführt, sie haben unterdrückt und ausgebeutet. Sie haben aber auch ihr Knowhow exportiert und, was noch wesentlich wichtiger war, sie haben ihre Rechtstradition verankert. Rechtssicherheit und individuelle Freiheit sind in Asien ausschließlich Importprodukte des europäischen Kolonialismus respektive des amerikanischen Neokolonialismus. Und wo es Rechtssicherheit und individuelle Freiheit gibt, gibt es auch wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt.

Die einzige (mit Einschränkungen) europäische Kolonialmacht, die weder das eine noch das andere gebracht hat, war Rußland. Entsprechend unterschiedlich verlaufen auch die Entkolonialisierungsprozesse: Während in Macao Portugiesen und Chinesen einander die Hände reichen, steht die Trümmerstadt Grosny weiter unter russischem Beschuß. In keiner einzigen der ehemals sowjetischen Republiken Asiens herrschen auch nur annähernd demokratische und rechtsstaatliche Verhältnisse.

Erst recht negativ ist die Bilanz der Herrschaft Chinas über die nicht-chinesischen Völker. In Tibet und in Sinkiang wird jede Art von Widerstand dieser "Barbaren" auf die brutalste Weise niedergeworfen. Warum eigentlich werden, wenn von den Übeln des Kolonialismus die Rede ist, China und Rußland fast immer vergessen?

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