"Die Presse"-Kommentar: "Historisches in Washington" von Andreas Schwarz Ausgabe: Donnerstag, 16. 12. 1999

WIEN (OTS) - Am Beginn einer neuer Friedensverhandlungen im Nahen Osten stehen traditionell Pathos und Vorsicht: Israels Premier Ehud Barak zum Beispiel hat "allen Schmerz des Konflikts, aber auch alle Träume und Hoffnungen der Israelis" mit nach Washington genommen, ohne zu wissen, wohin der Weg führen werde; und Syriens Außenminister Faruk al Sharaa hofft, daß Israel "unserer Sehnsucht nach Frieden entgegenkommen wird" und ist unverbindlich optimistisch, ohne sich von den Durchbruch-Parolen anstecken zu lassen, die mit Wiederaufnahme der israelisch-syrischen Gespräche nach vier Jahren allenthalben getrommelt werden. Fast ein Jahrzehnt des Friedensprozesses im Nahen Osten hat gelehrt, daß Vorsicht meist der bessere Ratgeber als Pathos ist. Dennoch hat es kaum je einen passenderen Anlaß für beides gegeben als die in Washington begonnenen Gespräche. Nicht nur, weil es die höchstrangigen zwischen den beiden Todfeinden seit jeher sind. Sondern weil mit ihnen plötzlich die ganze Komplexität des Nahost-Prozesses auf dem Tisch liegt, auf dem gerade auch der israelisch-palästinensische Dialog in seine entscheidendste Phase geht. Die Zeit ist günstig. Auf der einen Seite steht mit Ehud Barak ein neuer und oft noch unterschätzter israelischer Premier, der mit allen Wassern gewaschen und fest entschlossen ist, nach den verlorenen Netanjahu-Jahren das Erbe Jitzhak Rabins nicht nur aufzugreifen, sondern zu einem historischen Ende zu führen. Er hat den Friedensprozeß mit den Palästinensern wieder auf den Weg gebracht und wird im kommenden Jahr mit der Frage des Palästinenserstaates konfrontiert sein. Und er hat die Syrer geschickt an den Verhandlungstisch gezwungen: Seine Ankündigung, einseitig aus dem Südlibanon abzuziehen, nimmt Damaskus den letzten Hebel für Druck auf Israel: Wenn Jerusalem seine Probleme rundum und vor allem im syrisch kontrollierten Libanon im Alleingang löst, bleibt Syrien mit den von Israel besetzten Golan-Höhen quasi übrig -auf Jahre ohne Chance, die Israelis zum Abzug zu bewegen. Auf der anderen Seite steht der alte Fuchs Hafis al Assad. Er ist dabei, sein Erbe zu bestellen, und möchte seinem Sohn ein geordnetes Haus -inklusive Golan - hinterlassen. Dazu muß er Syrien auch aus der internationalen Isolation führen: Die Aussicht, von der amerikanischen Liste der Schurkenstaaten gestrichen zu werden, wenn man den iranischen Kampf gegen Israel via Libanon unterbindet, ist für Assad verlockend _ er braucht, seit es keine sowjetische Unterstützung mehr gibt, Geld und Wirtschaftskontakte. Der Golan, den Barak zu retournieren bereit ist, sollte ebenso wie die Details über Frühwarnposten, Wasserquellen etc. nicht das eigentliche Problem der Verhandlungen sein. Als Stolperstellen könnten sich eher die möglichen Verknüpfungen erweisen. Israels Premier, der das Friedensprozeß-Ruder in der Hand hat, könnte versucht sein, Fortschritte in der israelisch-syrischen Gesprächsrunde gegen Hänger in der palästinensisch-israelischen auszuspielen und umgekehrt. Aber auch Syrien könnte mit der erwähnten Komplexität Druck machen: Assad hat immer Separatfrieden verdammt und eine Klärung der Palästinenserfrage als Voraussetzung für einen umfassenden Frieden verlangt. Auch wenn sein Verhältnis zu Jassir Arafat unterkühlt ist, liegt dem Pan-Arabisten Assad schon wegen der Palästinenserflüchtlinge in Syrien und im Libanon eine Palästinenserlösung am Herzen. Diese möglichen Stolperstellen, diese Hebel für gegenseitigen Blockierens können aber auch Chance für eine ungeheure Dynamik sein, wenn es beide Seiten ernst meinen. Es gibt Anzeichen, das sie das tun. Diesfalls begänne in Washington tatsächlich Historisches.

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