"Die Presse" Glosse: "Neue Chance für Kroatien" (von Wieland Schneider) Ausgabe vom 13.Dezember 1999

WIEN (OTS) - Der Patriarch war noch gar nicht gestorben, da
stritten die Diadochen in Partei und Regierung schon um die Aufteilung des Erbes. Nun, da Kroatiens Präsident Franjo Tudjman tot ist, steht das Land vor der wichtigsten Weichenstellung seit der Erlangung der staatlichen Selbständigkeit: Nimmt Kroatien endgültig Kurs Richtung Westen _ oder versinkt es im Sumpf von Nationalismus, Nepotismus und Korruption? Franjo Tudjman hatte Anfang der 90er Jahre für Kroatien eine wichtige historische Aufgabe erfüllt. Der Unabhängigkeitskrieg gegen Belgrad ist nun aber, wie Tudjman selbst, Teil der Geschichte. Heute gilt es für Zagreb, endlich Anschluß an Europa zu finden.

Daß dieser in den vergangenen Jahren verpaßt wurde, ist _ trotz all seiner Verdienste _ nicht zuletzt die Schuld Tudjmans: Sein autoritärer Führungsstil, in dessen Schatten Vetternwirtschaft und Bestechung blühten, ließ Kroatien im Ausland bestenfalls als Pseudo-Demokratie erscheinen. Zudem zog der kroatische Machthaber weltweite Kritik auf sich, da er sich gegen die Rückkehr der serbischen Flüchtlinge und die Aufarbeitung kroatischer Kriegsverbrechen in den jüngsten Kriegen in Bosnien und Kroatien sperrte.

Mahnenden Stimmen aus dem Ausland stießen bei Tudjman jedoch auf taube Ohren. Er reagierte beleidigt auf Kritik und setzte im Gegenzug zunehmend auf Isolationismus _ auch in der Wirtschaftspolitik. Der Westen und die aufgeschlossenen Köpfe in Kroatien erhoffen nun eine politische Liberalisierung und eine Einkehr der Marktwirtschaft. Die Reaktionen von EU und USA auf das Ableben Tudjmans waren unisono von der Erwartung einer Demokratisierung und Verwestlichung Kroatiens geprägt. Das Land ist für Mitteleuropa strategisch und wirtschaftlich, historisch und kulturell viel zu bedeutend, als daß man es auf lange Sicht im Abseits liegen lassen kann.

Nun scheinen in Kroatien die Zeichen tatsächlich auf Wechsel zu stehen: Die Macht der Tudjman-Partei HDZ, vor allem der Radikalen in ihr, könnte nach dem Tod des Präsidenten doch gebrochen sein. Im eigenen und im Interesse Europas darf Kroatien diese Chance nicht neuerlich vergeben.

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