"Kurier" Kommentar: Europa: Von den Azoren bis zum Irak (von Alfred Payrleitner)

Ausgabe vom 13.12.1999

Wien (OTS) - Die Türkei ist Kandidat für den Klub der Europäer. Gleichgestellt mit den zehn anderen mittel- und osteuropäischen Anwärtern, also mit Ungarn und Tschechen, Polen, Rumänen, Slowenen und Slowaken. Oder den Bulgaren, Esten, Letten, und Litauern. Ganz abgesehen von Malta und Zypern.

63 Millionen Nichtchristen - die Türkei ist zu 99 Prozent islamisch - als künftige Mitglieder in einer Union, die sich ihrem Ursprung nach wohl eher mit dem Reich Karls des Großen als mit den Herrschern am Bosporus verbunden fühlt? Die Diskussion über diese Vorstellung wird noch tiefe Konflikte in den europäischen Kernländern bewirken. Zu Arbeitsplatz- und Überfremdungsängsten kommen die demokratiepolitischen Defizite der Türkei. Im Zentrum steht aber eine deutliche religiös bestimmte Ablehnung durch den "Christenklub".

Michael Glos, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im deutschen Bundestag, beschwor in der FAZ die Unvereinbarkeit der Welt- und Menschenbilder. Die "rot-grüne Multi-Kulti-Ideologie wird sich auf Dauer als wenig Gemeinschaft stiftend erweisen", prophezeite der Politiker.

Das sollte sich Jörg Haider einmal trauen. Zur allgemeinen Überraschung zeigt sich aber der Kärntner Landeshauptmann in dieser Frage derzeit ausgesprochen kosmopolitisch und als strategischer Denker: Man müsse der Türkei helfen, durch Westorientierung mit den Fundamentalisten fertig zu werden. Das finden auch Amerikaner, Liberale, Sozialdemokraten. Und im übrigen kann man ja die Übergangsperioden entsprechend lang gestalten . . .

Trotzdem stellen sich unweigerlich zentrale Fragen: Wie "christlich" ist dieses Europa wirklich und was sind seine letzten Werte? Sollte es nicht mehr sein als ein aufgeklärtes, großes Marktgebiet? Wie immer kann man das Problem auch positiv, von seinen Chancen her betrachten: Ist Kleinasien nicht schon seit Jahrtausenden eine faszinierende Mischzone zweier Welten gewesen?

Von den griechischen Pflanzstädten der Antike bis zur deutschen und österreichischen Zusammenarbeit mit der Türkei in diesem Jahrhundert gibt es zahllose Beispiele eines ständigen Austauschs. Nicht nur die Erinnerungen an die traumatischen "Türken-Gräuel". Millionen Österreicher haben zwischen Ephesus und Alanya durchaus angenehme Erfahrungen in diesem nicht christlichen Land gemacht. Und wer sich etwas näher mit türkischer Geschichte und Kultur befasst, weiß bald, wie viele Verwandtschaften es da noch gibt. Nur der Blick auf die Landkarte könnte manche leicht erschrecken. Mit der Türkei als Unionsmitglied grenzt "Europa" an Georgien, Armenien, Syrien, den Iran und den Irak. Samt allen Konfliktmöglichkeiten, die sich in dieser Weltgegend ergeben. Da gibt es wohl geringe Lust an einer Beistandspflicht. Aber die ist ohnedies kaum in Sicht. Und im übrigen sind die Türken gewohnt, solche Probleme allein zu lösen.

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