Für Inlandspresse - Kommentar: "15. Dezember: Staatliche Bilanzfälschung" - von Jens Tschebull

Wien (OTS) - Alle Jahre wieder, am 15. Dezember, erfolgt eine gesetzlich angeordnete riesige Manipulation der Staatsbilanz:
Unternehmer müssen eine willkürliche "Umsatzsteuer-Sondervorauszahlung" leisten, die am 15. Jänner rückverrechnet wird, sobald sie ihren Zweck, die staatliche Bilanzkosmetik zum Jahresultimo, erfüllt hat. Diese listige Idee wurde 1994 geboren: Sämtliche Unternehmer müssen seither den vom Finanzamt ermittelten und in eigenen Briefen mitgeteilten Durchschnitt ihrer monatlichen Umsatzsteuerzahlungen zusätzlich zur normalen Dezember-Umsatzsteuer abliefern.Das ist eine weihnachtliche Strafverschärfung für Unternehmer, deren Liquidität im Dezember ohnehin schon mit der Auszahlung bzw. den Lohnnebenkosten der Weihnachtsgelder strapaziert ist und oft nur mit Krediten gesichert werden kann. Aber die Sondervorauszahlung verhilft dem Bund sprunghaft zu vermehrten Steuereinnahmen im Dezember und damit zu einem geschönten Jahresergebnis auf Kosten der Wirtschaft. Im Jänner können die Unternehmen diesen zinsfreien, die Kassen des Staates stärkenden Zwangskredit dann mit der normalen Umsatzsteuer ausgleichen, sofern sie die entsprechende Rubrik auf dem Erlagschein richtig ausfüllen: Mittels "Zahlungsweisung", ein besonders schönes Wort der Finanzbürokratie.In der gesamten Wirtschaft, mit Ausnahme von Kleinbetrieben die jetzt gnadenhalber ausgenommen werden (durchschnittliche monatliche Umsatzsteuer-Vorauszahlung weniger als 10.000 Schilling), verursacht dieses kostspielige Ringelspiel abgesehen vom finanziellen Aderlass, mindestens zwei Buchungssätze und Anmerkungen in der Jahresbilanz, in denen diese merkwürdige "Forderung an den Bund" erklärt wird. Was der Staat hier betreibt, ist die Verschiebung von Einkünften aus einer Periode in die andere. So wie es schwachbrüstige Unternehmer versuchen, wenn sie zukünftige Geschäfte als bereits getätigt buchen, um eine positive Bilanz vorzutäuschen.Wenn Steuerschwindler oder Bankrotteure zu solchen Tricks greifen, reagieren Finanzamt bzw. Handelsgericht allergisch. Aber der Staat hat da volle Narrenfreiheit: Er nimmt sich die Freiheit einer willkürlichen Forderung, und die Unternehmer, die ihm den Jahresschlusskredit zinsfrei zur Verfügung stellen müssen, sind die Narren.(Schluss)

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