STANDARD-Kommentar "Die Falschen stehen am Pranger Nach der Katastrophe am Bergisel: Vorwürfe gegen Jugendliche gehen

ins Leere" von Andreas Feiertag Ausgabe: Dienstag, 7.12.

Wien (OTS) - Das weltweit größte Snow board-Spektakel am Innsbru cker Bergisel endet in einer Katastrophe. Eine Massenpanik bricht aus, fünf Mädchen werden zu Tode erdrückt, vier Jugendliche lebensgefährlich verletzt. Medien und Politik begeben sich nach der Erst ersorgung der Opfer schnurstracks auf die Suche nach möglichen Verantwortlichen. Und weil es das Einfachste ist, steht zunächst die "heutige Jugend" samt ihrer vermeintlichen Verantwortungslosigkeit am Pranger. "Alkoholisiert sei sie gewesen, die Snowboard-Fangemeinde, die Young Generation lebe nach dem Motto "No Risk, no Fun". Und wie sich Betrof fene nach dem Unglück ver hielten, spreche ohnedies Bände. Noch Fragen? "Die Bilder haben sich ein geprägt: Nach dem Mega-Event feiern die Kids in der Innenstadt so genannte After-Contest-Partys. Echt coole Ra v-Sessions, zu deren geilen Bass-Sequenzen die einge schworene Gemeinde bis in den frühen Morgen abtanzt. Gefragt, ob sie das tödliche Unglück gar nicht berühre, kommen - zumindest in der Spontanität vor laufender Kamera -schockierende Antworten. Schon tragisch das alles, aber sich dadurch die Party verderben lassen sei auch daneben, heißt es sinn gemäß. Oder: Sollen wir uns jetzt runterziehen lassen, mit ein paar Bier kann man es eh wegsaufen. "Symptomatisch für die Snowboard-Szene oder viel leicht für eine ganze Generati on? Sind die Jugendlichen derart abgestumpft, dass es ihnen schon wurscht ist, wenn neben ihnen ihresglei chen stirbt? Sicher nicht! "Die Sprüche sind vielmehr Ausdruck der Ohnmacht und des vorläufigen Verdrängens des schwer zu Verarbeiten den, dargeboten allerdings in einer Form, welche die Old Generation nicht versteht - oder nicht verstehen will. Womit schon die beiden Hauptprobleme angesprochen sind: Identifikation und Kommunikation. "Die Snowboard-Szene ist längst mehr als ein aktiver Haufen Sportbegeisterter. Sie ist Trend, Bekenntnis, Jugendkultur, Gegenstück zum Establishment, sie ist Auflehnung und somit Identifikation einer jungen Generation, die darin ihr gemeinsames "Wir" findet. Die Szene hat eigene Mode, Regeln, Musik und so gar eine eigenen Sprache. Event-Veranstalter haben das erkannt, jeder Wintersportort, der etwas auf sich hält, veranstaltet Snowboard-Openings, absolut abgefahrene Partys, bei denen der Sport an sich eher im Hintergrund steht. "Somit sind die für das Establishment erschreckenden Sprüche einiger Jugendlicher nach der Katastrophe sicher lich alles andere als Ausdruck innerer Verrohung. Zurecht führen Psychologen an, dass es sich dabei um Verdrängung handelt, das Ausmaß der Tragödie wird den meisten erst in den kommenden Tagen zu Bewusstsein kommen. Hinzu kommt vermutlich der Grup penzwang der Szene, wer nicht mitfeiert, nimmt sich aus dem gemeinsamen "Wir", dem eigentlichen Sinn dieser Veranstaltungen, heraus. Und wäre tatsächlich kein Mitgefühl da, hätten auch nicht Hunderte Jugendliche am Tag nach dem Unglück mit Kerzen der Opfer gedacht. "Und den Alkohol für die ausgebrochene Massenpanik mitverantwortlich zu machen, geht ebenso am Problem vor bei, wie die Panik allein der Snowboard-Szene oder überhaupt der Jugend zuzuschrei ben. Überall, wo sich Menschenmengen versammeln, besteht ein diesbezügliches Risiko - egal, ob man bei einer Anti-Rassismus Kundgebung am Wiener Stephansplatz in mitten der Massen steht oder in einem ausverkauften Fuß ballstadion sitzt. Das Phäno men der Massenpanik einer Gruppe zuzuordnen ist falsch. Und es kann auch nicht aus der Welt geschafft werden. "Was soll man also tun? In Zukunft alle Massenveranstal tungen verbieten? Mitnichten! Aber zumindest dafür Sorge tragen, dass eine nächste Massenhysterie keine derartigen Folgen nach sich zieht. Was eine Frage von Sicherheits vorkehrungen ist, für die allerdings nicht die Besucher solcher Events verantwortlich zu machen sind.

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