"Presse"-Kommentar: "Wenn Coole panisch werden" (Norbert Rief)

Ausgabe vom 7. Dezember 1999

Wien (OTS) - Natürlich sind im nachhinein alle klüger. Man hätte viel mehr Ordnungskräfte einsetzen sollen, meinte Innsbrucks Bürgermeister Herwig van Staa. Die Stadt hätte sogar den Einsatz der Feuerwehr oder des Bundesheeres mitbezahlt. Man hätte die Ausgänge viel breiter machen müssen; man hätte keinen Alkohol ausschenken dürfen; man hätte die Menschen nur sektorenweise aus dem Stadion gehen lassen dürfen; man hätte die Ausgänge besser beleuchten müssen; man hätte, man sollte, man müßte. Bleiben wir realistisch: Wo immer sich 40.000 Menschen versammeln, besteht die Gefahr einer ähnlichen Tragödie, wie sie in Innsbruck am Samstag fünf Menschen das Leben gekostet hat. Vier liegen mit schweren Verletzungen noch immer auf der Intensivstation. Vielleicht wäre die Tragödie tatsächlich vermeidbar gewesen, hätte man viele Dinge anders gemacht. Jedes Jahr finden aber in Österreich Hunderte Veranstaltungen mit ähnlich vielen Zuschauern statt, die ohne Probleme verlaufen - auch wenn Jugendliche darunter sind und auch wenn diese alkoholisiert sind. Bei Popkonzerten etwa, bei Fußball-Spielen oder bei ebendiesen Snowboard-Veranstaltungen. Bei solchen Menschenmassen genügen ein paar Dutzend Undisziplinierte, die es wahnsinnig lustig finden, in einer Menschentraube nach vorne zu drängen. Die katastrophalen Auswirkungen, wenn dann jemand stürzt, wurden im Bergisel-Stadion auf tragische Art demonstriert. In einem solchen Gedränge nützen vermutlich auch dreimal soviele Ordnungskräfte nichts. Hinterfragen muß man aber sehr wohl die gesetzlichen Richtlinien für solche Großveranstaltungen. Natürlich liegt es im Interesse eines Veranstalters, die Kosten möglichst gering zu halten und nur die vorgeschriebenen Auflagen zu erfüllen (in Innsbruck taten die Veranstalter mehr als das). Wenn jetzt van Staa davon spricht, man hätte Heer und freiwillige Feuerwehr einsetzen können, dann muß er zuerst einmal in seinem eigenen Haus für Ordnung sorgen. Dort hat man offenbar noch nicht einmal die neuesten Gesetzesvorschriften umgesetzt. Es bedurfte auch erst dieses Unglücks, damit man die Umbaupläne für das Bergisel-Stadion noch einmal überdenkt: Bisher war nicht vorgesehen, die Ausgänge zu verbreitern. In Innsbruck starben Menschen wegen eines Gedränges - nicht auszudenken, was bei einer Massenpanik passiert wäre; wenn Tausende Menschen in Todesangst über nur drei Ausgänge das Stadion verlassen wollen. Hier gilt es einzuhaken: Aufgrund feuerpolizeilicher Bestimmungen gibt es zwar strengste Vorschriften, wenn jemand in einem Rollstuhl ein Kino oder ein Theater besuchen will. Schaut man sich aber diverse Veranstaltungsorte an, dann wundert man sich, wie lasch die Auflagen sonst sind: Es hat erst des Unglücks in einer oberösterreichischen Diskothek bedurft, bevor man mehr und vor allem besser beleuchtete Ausgänge schuf. Wer wiederum das Apollo-Kino in Wien besucht, kann nur darauf vertrauen, daß es keinen Brand gibt: Nicht einmal bei hell erleuchteten Gängen findet man in dem Labyrinth die Säle oder Ausgänge - was sich hier bei Massenpanik abspielt, dafür braucht man nicht sehr viel Phantasie. Noch einmal: Wenn Tausende Menschen in Panik geraten, wenn - wie in Innsbruck - angeblich Mega-Coole hektisch werden, dann hilft vermutlich auch die perfekteste Planung wenig. Man kann aber alles tun, um die Gefahr in diesen Fällen, um die Zahl der Todesfälle möglichst gering zu halten. Ob das in Innsbruck passiert ist, untersucht der Staatsanwalt. Österreichweit sollte man aber von dem "Hätt-ma"-Denken abgehen und entsprechend reagieren. Und das heißt vor allem: Bestehende Veranstaltungsorte auf ihre Tauglichkeit überprüfen.

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