"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Haltlos in Seattle" (von Stephan Kabosch)

Ausgabe vom 2. 12.1999

Innsbruck (OTS) - Der weitere Abbau von Handelsschranken findet hinter Polizeibarrikaden statt. Zehntausendfach regte sich in Seattle der haltlose Protest gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation WTO. Und das im unmittelbaren Zuständigkeitsbereich der einzigen Supermacht. Die Eskalation der Gewalt ist eine Schande für die USA. Dabei mag der Widerspruch der Demonstranten an sich legitim sein. Die Auflehnung gegen ein vorgeblich einheitliches System des heiligen und unfehlbaren Marktes kann sogar nützlich sein. Zu den negativen Auswüchsen eines schrankenlosen Handels, zur globalen Umweltzerstörung, zur Kinderarbeit, zur wachsenden Armut sind der Politik bisher nicht viel mehr als Lippenbekenntnisse eingefallen.

Aber nicht für alles Schlechte ist der Gott sei bei uns WTO verantwortlich. Gerade die - von der Welthandelsorganisation angestrebte - Liberalisierung des Handels ist der Motor für eine Wohlstandsmehrung in weiten Teilen der Welt. Das ist unbestritten. Und nicht jeder Arme ist einzig und allein in die Globalisierungsfalle getappt. Für manche von ihnen eröffnet gerade der freie Handel eine Chance auf eine bessere Zukunft, die sich sonst niemals böte. Fortschritt kann nur sein, wo Handel ist. Die Alternative ist eine Verzögerung der Entwicklung, wäre ein Rückfall in den Protektionismus.

Aber mit dem Wohlstand ist auch der Unterschied zwischen Arm und Reich gewachsen, die Kluft zwischen Nord und Süd tiefer geworden. Auch das ist unbestritten. Dies hängt zu einem Gutteil mit den niedrigen Rohstoffpreisen zusammen, welche die Industrienationen den Entwicklungsländern zu zahlen bereit sind. Gerade das macht das Erfordernis fairer Spielregeln über den Abbau von Hemmnissen, aber auch über Wettbewerb und Entschädigungen deutlich. Darüber muss gesprochen werden. Wo sonst sollte das geschehen, wenn nicht in der Welthandelsorganisation, immerhin die einzige internationale Organisation mit effektiver Sanktionsmöglichkeit.

Die Demonstranten von Seattle sollten sich von der Vision einer WTO-befreiten Welt verabschieden. Sicherlich nicht ohne, sondern wahrscheinlich nur mit einem klaren Regelwerk lassen sich die Folgen der Liberalisierung in ertragbaren Maßen halten.

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