"Die Presse" Kommentar: "Die Schlacht von Seattle", (Karl-Peter Schwarz)

Ausgabe vom 2. 12. 1999

Wien (OTS) - Die Unruhen in Seattle haben gute Chancen, in die Geschichte einzugehen. Denn nicht einmal auf dem Höhepunkt der linken Studentenbewegung in den 70er Jahren war es je gelungen, Minister und Diplomaten aus 135 Ländern praktisch in Geiselhaft zu nehmen, unter ihnen eine amerikanische Außenministerin und einen UN-Generalsekretär, und das auch noch mitten in den USA, im Zentrum des "Weltkapitalismus". Wie einst in Teheran während der Mullah-Revolution tobte der Mob durch die Stadt, zündete Autos an und plünderte Geschäfte. Mit "schlagenden Argumente" probten vermummte, im Straßenkampf geübte Anti-Globalisierungs-Guerrilleros beim Gipfel der Welthandelsorganisation ihren Aufstand gegen Freihandel und Marktwirtschaft. Was sich dort abspielte, ist schlicht und einfach eine Schande für die USA. Die US-Sicherheitsdienste, die sich bei Auslandsbesuchen amerikanischer Politiker meist aufführen, als gehörte ihnen die ganze Welt, haben auf geradezu spektakuläre Weise versagt. Man fragt sich, warum. An der Sicherheitstechnik selbst wird es ja wohl nicht liegen, da sind die Amerikaner führend. Außerdem war seit langem bekannt, daß die bunte Internationale der Freihandelsgegner, Ökofundamentalisten und Chaosfreaks für den WTO-Gipfel in Seattle rüstete. Könnte es sein, daß Clinton der Protest in Seattle gar nicht so ungelegen kam? Er will Al Gore als seinen Nachfolger installieren, dazu braucht er die Unterstützung der radikalen amerikanischen Umweltschützer und der Gewerkschaften. Während die USA in der WTO aus den besten Gründen für einen weltweiten Abbau der Handelshemmnisse eintreten, traf sich Clinton mit WTO-Gegnern und zeigte "Verständnis" für deren Anliegen. Was in Seattle geschah, ist ein ernstes Alarmzeichen. Freihandel ist kein Nullsummenspiel, er ist eine Quelle der Entwicklung und des Wohlstandes für alle. Eine ökonomische Konterrevolution, die die Welt zurückwirft in Protektionismus und Dirigismus, hätte katastrophale Folgen, und zwar keineswegs nur für die reichen Länder. Die kommen damit noch am ehesten zurecht.

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