"Kurier" Kommentar: (von Alfred Payrleitner)

Ausgabe vom 02.12.1999

Wien (OTS) - Alfred Payrleitner über das Trilemma Wolfgang Schüssels Gut, dass die Sondierungsquälerei zu Ende geht. Nun kann die Quälerei mit der Regierungsbildung beginnen. Auch sie wird lange dauern - vor Anfang März wird das neue Kabinett kaum stehen können. So kalkulieren alte VP-Hasen, die dabei gerne an Alfons Gorbach in den Sechzigerjahren erinnern. Der hatte damals auch sechs Monate für sein schwarz-rotes Bauwerk gebraucht. Wobei diesmal offen ist, ob es ein solches Gebäude überhaupt geben wird. Vielleicht wird es eine Minderheitsregierung - oder es gibt Neuwahlen? Nur das Sado-Maso-Spiel mit der selbstauferlegten Oppositionsrolle der ÖVP muss nun bald ein Ende haben. Entweder man nimmt an den Regierungsverhandlungen teil, dann muss man die alte Vorstandsentscheidung revidieren, durch Parteitagsbeschluss oder Urabstimmung der Mitglieder. Oder man bleibt draußen. Dann kann es auch kein weiteres Verhandeln mit der SPÖ geben. Immerhin gibt es gewisse Signale: Andreas Khol nannte in dieser Woche vier Bedingungen für eine etwaige VP-Teilnahme und auch die heftigen Pro der VP-Minister auf Edlingers Sparerlass waren aufschlussreich: Sie müssten doch nur ihre Ankündigung wahr machen und zurücktreten -schon wären sie ihre Sorgen los. Offenbar wollen sie aber bleiben, so oder so . . .

In der Tat befindet sich Wolfgang Schüssel nun in einem Trilemma:
Entscheidet er sich für die FPÖ, also für Skylla, das "sechshalsige Ungeheuer," wie es in der Odyssee heißt, droht ihm, verschlungen zu werden. Bleibt er nahe der Charybdis, dem morastigen Urschlund der alten Koalition, so geht er dort langsam zu Grunde - wie schon bisher. Von besonderer Seite, einem gewissen Homer, wird man allerdings darauf hingewiesen, dass auch die dritte Variante, die Opposition, ihre Tücken hat. An diese Insel der Sirenen gelangte der an den Mast gebundene Odysseus, bevor er die beiden anderen erreichte. An ihrer Küste modern die Gebeine vieler guter Männer, wie der klassische Text berichtet. Kaum glaublich, wie aktuell so ein uralter Mythos sein kann. Wobei es für Wolfgang Odysseus noch manche weiteren Gefahren gibt: Kommt es zur Urabstimmung in seiner Partei, so müssen auch die Bünde und Länder ihre Stellungnahmen abgeben und dann droht erst recht Zerreißungsgefahr - je nach Neigung in Richtung Freiheitliche oder SPÖ. Keine leichte Sache, so eine Basisdemokratie. Schon gar nicht für die Volkspartei. Trotzdem muss Schüssel irgendein Risiko wählen und die Durchfahrt suchen. Im Gegensatz zur bisherigen Geheimniskrämerei kann er sie freilich nur mit besseren Konzepten und bei größter Offenheit gegenüber den Medien finden. Hoffentlich ist der Listenreiche gut genug vorbereitet. Zwischen Skylla, Charybdis und Sirenenklang.

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