WirtschaftsBlatt über Schüssel Hat Wolfgang Schüssel einen Machtrausch? von Peter Muzik

Ausgabe vom 30.11.1999

Wien (OTS) - Heute gehen also die Sondierungsgespräche endlich zu Ende, und der Stand der Dinge ist folgender: Die Polit-Ehe Rot/Schwarz ist nach 12 Jahren total zerrüttet. Eine sinnvolle Fortsetzung mit den handelnden Personen an der Spitze kann man daher vergessen. Ein Bündnis Rot/Blau, also eine grosse Koalition neuen Stils, kommt ebenso wenig in Frage, weil Viktor Klima das ja dezidiert ausgeschlossen hat. Ein blau/schwarzes oder schwarz/blaues Regierungsteam schliesslich kann - auch wenn VP und FP noch so wild flirten - keine Chance haben, falls Wolfgang Schüssel weiterhin glaubwürdig bleiben will.

Der Vizekanzler steht seit Wochen im Mittelpunkt des Parteien-Kabaretts und ist als Opfer seiner eigenen Taktik zu bedauern: Seine Ankündigung vor der Wahl, in Opposition gehen zu wollen, falls die Volkspartei nicht zweitstärkste Partei bleibe, war zwar ein genialer Schachzug, der ihm sicher viele Stimmen gebracht hat. Seit dem 3. Oktober bringt ihm dieser Sager aber nur Troubles ein: Denn kaum jemand hätte Verständnis dafür, wenn sich der Dritte nunmehr vom Zweiten zum Ersten machen liesse. Die Variante Schüssel als Kanzler ist also praktisch auszuschliessen. Und falls die Nummer 3 die Nummer 2 zur Nummer 1 machen würde, wäre das mindestens genauso grotesk und unerträglich. Für Schüssel, der bislang stets überlegt, professionell und glaubwürdig, wenn auch bisweilen etwas überheblich agiert hat, steht also nicht weniger auf dem Spiel als sein Ruf:
Falls er in dieser verworrenen Situation plötzlich auszuckt, einem Machtrausch erliegt und sich mit Jörg Haiders Hilfe zum Kanzler machen lässt, könnte man ihn einfach nicht mehr ernst nehmen. Dann würde ihn wohl auch die taktisch weitaus klüger agierende FPÖ gezielt ins Fiasko treiben. Dann würde es die ÖVP, wie das Heinrich Neisser treffend formuliert hat, "zerreissen". Und dann hätte sie bei der nächsten Wahl nicht den Funken einer Chance. Der ÖVP-Chef, der sich derzeit so schweigsam gibt, dürfte das alles aber selber wissen. Und wer ihn genau kennt, ist überzeugt, dass er zu seinem Wort stehen wird. Wenn Schüssel tatsächlich in Opposition geht, bleibt er ein Ehrenmann - und Österreich höchstwahrscheinlich ohne tragfähige Regierung. Das beschämende Polit-Schauspiel wäre nur dann zu beenden, falls entweder Schüssel oder Klima zurücktritt oder gar beide - dann wäre wieder alles möglich..= . (Schluss) PM

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