"Der Standard" Kommentar: Hin in der Marille Rund um die Ablehnung der Gentechnik formiert sich eine rot-grün-blaue Ampel - Gerfried Sperl

Ausgabe 29.11.1999

Wien (OTS) - Gentechnische Experimente in der Landwirtschaft
sind umstritten. Besonders dann, wenn sie von multinationalen Großkonzernen finanziert werden. Weil der (oft) berechtigte Verdacht besteht, dass ein ganzes Land seiner Gen- Ressourcen beraubt wird. Und dass die Ausbreitung gentechnisch manipulierter Pflanzen zur Entstehung neuer Viren und zu Schädigungen der Fauna führen kann. Das befürchten etliche Experten.

Nach einem dem Vorgang nach problematischen Aussetzungsversuch von Erdäpfeln (für Klebemittel) vor einigen Jahren wählte die Universität für Bodenkultur (Boku) den Weg der Transparenz. Sie band NGO in die Planungen ein. Trotzdem gibt es neue Aufregung: "nur" um Kirschen und Marillen. Aber es steht die "Gesundheit" heimischer Obstsorten und die Zukunft der Obstbauern auf dem Spiel. Daher: Kann man sich mit der Frage begnügen, ob die Gentechnik der Landwirtschaft generell schadet? Oder muss man diesmal auch Chancen erkennen - wie in der Medizintechnik?

An der Boku wird seit längerem daran gearbeitet, österreichische Marillenbäume gegen ein Virus resistent zu machen, das mit wachsender Regelmäßigkeit Bestand und Ernten bedroht. Dazu wurde ein Fünfjahresprogramm entwickelt, das mit zweijähriger Risikoforschung im Glashaus beginnt und in Freilandversuche münden soll.

Der für die Wissenschaft zuständige Minister Caspar Einem ist dafür. Einerseits, weil es Risikoforschung geben muss. Sonst kann der Staat seine Funktion der Finanzierung von Grundlagenforschung aufgeben. Das wäre der eigentliche Skandal. Andererseits wurden Vorsichtsmaßnahmen eingebaut. Die verantwortliche Professorin hat festgehalten, dass bei problematischen Anzeichen das Experiment abgebrochen werden kann.

Trotzdem entwickelte sich eine enorme boulevardeske Polemik, die innenpolitisch relevant ist. Wie schon in der Atomfrage agieren Umweltgruppen, Grüne und Teile der SPÖ (um die Ministerin Prammer) genauso populistisch wie die FPÖ. Wenn nun die Freiheitlichen in der Opposition gegen jede Form der Gentechnik dieser Allianz beitreten, entsteht ein brisantes Gemisch.

Während man auf der Ebene der Regierungsbildung eine schwarz-blaue Koalition befürchten muss, entsteht in einzelnen Sachfragen immer öfter eine rot-grün-blaue Ampel, die neuerdings sogar versucht, den Bundeskanzler und den Wissenschaftsminister massiv unter Druck zu setzen, indem man ihnen den Bruch von Wahlversprechen unterstellt. Klima hat eine Woche vor den Nationalratswahlen gegenüber WWF, Global 2000 und Greenpeace zwar versprochen, man werde in Österreich keine gentechnisch manipulierten Pflanzen anbauen.

Zwischen Anbau und Freilandversuchen ist genauso ein Unterschied wie zwischen AKW und Versuchs-

reaktoren (siehe Seibersdorf). Außerdem war von Forschungsbehinderung oder gar Forschungsstopp nicht die Rede. Würde die Regierung das verfügen, wäre sie - bildlich gesprochen - "hin in der Marille".

In dieser Auseinandersetzung spielen einzelne Exponenten der Grün-Bewegung eine seltsame Rolle. Die Neo- Abgeordnete der SPÖ Ulli Sima und der jetzt besonders militant auftretende Lothar Lockl von Global 2000 haben im Juli 1998 bereits an einer Sitzung und später an Konsultationen über das geplante Experiment teilgenommen. Jetzt zeigt sich Sima unwissend und leidet plötzlich am Waldheim-Syndrom. Dafür ist sie eigentlich zu jung, weshalb als Motiv eher Populismus anzunehmen ist. Besonders bei der massiven Kritik an jeder Form der Risikoforschung.

Wenn diese Auseinandersetzung von den NGO und ihren politischen Outlets im Stile des Boulevard und des Populismus weitergeführt wird, droht der Politik und der Wissenschaft ein Fundamentalismus, der dem Vorgehen religiöser Dogmatiker in nichts nachsteht. Ein Krenn reicht.

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