OÖNachrichten Kommentar: Holzmann oder Holzweg (Von Hans Köppl) Ausgabe vom Sa., 27. November 1999 Linz Holzmann oder Holzweg Eine verhinderte Pleite, die viele Fragen offen lässt

Linz (OTS) - Österreichische Anlagenbauer kennen den deutschen Philipp-Holzmann-Baukonzern als Billiganbieter. "Er ist immer mit Niedrigstpreisen hineingefahren", erinnert sich einer, der schon einige Jahre lang nicht mehr im Geschäft ist. Von den riskanten Praktiken des zweitgrößten deutschen Bauunternehmens weiß man in der Branche also schon seit längerem. Beobachtern der Szene, nicht zuletzt solchen, die mit dem Schicksal der österreichischen verstaatlichten Industrie vertraut sind, war seit geraumer Zeit klar, wohin der Weg führt, den Philipp Holzmann eingeschlagen hat. Die Pleite kam nicht überraschend, ihre Abwendung aber auch nicht.

Möge in Deutschland der Eindruck vorherrschen, hier habe Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Husarenstück vollbracht, das ihn endlich als Kanzler wie als Sozialdemokraten punkten lässt: Die Errettung des heruntergewirtschafteten Baukonzerns ist zuvörderst symptomatisch für eine soziale Marktwirtschaft europäischer Prägung, darüber hinaus aber keineswegs untypisch für das Verhalten gegenüber Unternehmenskrisen ähnlicher Dimension in weniger sozialen Märkten. Man erinnere sich nur an den Beinahe-Zusammenbruch des hochspekulativen amerikanischen Hedgefonds LTCM vor gut einem Jahr. Als Retter in höchster Not sprang die amerikanische Nationalbank ein. Ein Bankrott des Fonds, der auf faulen Krediten in der Höhe des halben österreichischen Bruttoinlandsprodukts saß, hätte, so die Befürchtungen, möglicherweise das globale Finanzsystem als Ganzes an den Rand des Abgrunds gebracht. Wenn im Falle Holzmann jetzt wieder von Staatsintervention die Rede ist, müssen Zusammenhänge und Verflechtungen bedacht werden, die aus der schieren Größe des Unternehmens resultieren. Von der Existenz Holzmanns sind unmittelbar nicht weniger als 270 Betriebe mit annähernd 40.000 Beschäftigten abhängig. Die wiederum sind ihrerseits mit der übrigen Wirtschaft verflochten. Wenn eine so wichtige Verknotung im Netzwerk der nationalen Wirtschaft zu reißen droht, ist die Abwägung von Vor- und Nachteilen staatlicher Hilfestellung und damit die Düpierung ordentlich wirtschaftender Konkurrenten oder marktliberaler Inkaufnahme des Zusammenbruchs mit unabsehbaren Folgen unvermeidlich.

Die Rettung des Bauriesen muss unabhängig von den schröderspezifischen politischen Nebenaspekten als das kleinere von zwei Übeln bewertet werden. Die notwendigen Konsequenzen dieses Falles sind noch schmerzlich genug. Die Marktbereinigung mit Arbeitsplatz- und Vermögensverlusten konnte bestenfalls verzögert werden.

Zurück bleiben quälende Fragen. Was ist von den innerbetrieblichen un= d außerbetrieblichen Kontrollmechanismen zu halten? Welches Gefahrenpotenzial baut sich im Zuge der Megafusionen auf, die heute die unmittelbare Folge der Globalisierung sind? Welchen volkswirtschaftlichen Stellenwert hat die Politik noch? Kann denn von Shareholder Value gesprochen werden, wenn sich auch eine für todsicher gehaltene Unternehmensbeteiligung als spekulatives Risiko erweist? Auf befriedigende Antworten, fürchte ich, wird man vergeblich warten.

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