Bei Essstörungen ist die Gesundheitspolitik gefordert

Wien (OTS) - Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brechsucht
nehmen auch in Österreich zu. In der nächsten Zukunft kann nicht mit der Umkehr dieses Trends gerechnet werden. Mit diesem wichtigem Gesundheitsproblem vor allem von Mädchen und jungen Frauen hat sich der Kongress Essstörungen '99 (die größte jährlich stattfindende deutschsprachige Tagung zu diesem Thema) Ende Oktober in Innsbruck befaßt.

Die über 240 KongressteilnehmerInnen betonten, daß sich das Gesundheitssystem nicht nur auf "Rettungsoperationen" wie eine qualifizierte Betreuung Betroffener und Angehöriger beschränken kann. Vielmehr ist die Gesundheitspolitik gefordert, neue Weichenstellungen vorzunehmen, die in folgende Richtung gehen sollten:

1.Volle Abdeckung der Psychotherapiekosten durch die Krankenversicherungen. Psychotherapie ist die Behandlungsmethode bei Essstörungen. Die Gleichstellung von seelischen mit körperlichen Krankheiten ist schon längst fällig. Psychotherapie ist fast ein Jahrzehnt nach dem Psychotherapiegesetz aufgrund des hohen Selbstbehaltes noch immer ein Luxus für Wenige, während 1998 in Österreich 21 Milliarden Schilling (!) für Medikamente ausgegeben wurden. Aufgrund der hohen Folgekosten von Essstörungen (Krankenhausaufenthalte, soziale Kosten usw.) erfordert schon ein wirtschaftliches Denken, noch mehr aber das Leid der Betroffenen und Angehörigen eine Abdeckung der Behandlungskosten durch die Krankenversicherungen.

2.Aufbau von auf Essstörungen spezialisierten ambulanten und stationären Behandlungseinrichtungen in allen Bundesländern, da die therapeutische Versorgung unzureichend ist.

3.Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfegruppen für Essgestörte. Die Selbsthilfe hat eine wichtige Rolle bei der Bewältigung jeder Krankheit. Dies gilt nicht nur für Betroffene, sondern auch für Angehörige. Die Unterstützung der Selbsthilfe bedeutet aber nicht, dass sich die Krankenkassen aus Kostengründen zurückziehen und diese Arbeit ehrenamtlicher Tätigkeit überlassen können. Im Gegenteil, es geht um den gleichberechtigten Ausbau aller Säulen unseres Gesundheitssystems.

4.Ausbau und Vertiefung der Patientenrechte. Die in Österreich
nur ansatzweise vorhandenen gesetzlichen Festlegungen der Patientenrechte sollten in Einklang mit der europäischen Entwicklung gebracht werden.

5.Einbeziehung der HausärztInnen und des Schulärtlichen
Dienstes in die Früherkennung von Essstörungen und die Behandlung leichterer Krankheitsverläufe, was allerdings eine entsprechende Weiterbildung voraussetzt.

6.Förderung der Forschung bei Essstörungen und Fettsucht. Die Ursachen von Essstörungen sind noch unbekannt und auch die Behandlungsergebnisse sind nicht so günstig, als dass die Forschung ihre Hände in den Schoß legen könnte.

7.Wissenschaftliche Entwicklung und Überprüfung von
vorbeugenden Programmen und Gesundheitsförderung bezüglich Essstörungen. Wenn Vorbeugung mehr als ein modisches Wort sein soll, muss sie über ein paar Medieneinschaltungen hinausgehen. Heute ist das Hauptziel der Vorbeugung von Esstörungen die Früherkennung und Motivation zu einer Behandlung. Will man die Ursachen der Entstehung von Essstörungen angehen, ist der Schwerpunkt statt auf gefährdete Gruppen auf die Gesellschaft zu legen: Der gesellschaftliche Schlankheitswahn, die Macht der Diät- und Fitnessindustrie und perfektionistische Anforderungen an Mädchen und Frauen müssen thematisiert werden. Statt sich nur auf Äußeres, Gewicht und Figur zu fixieren, müssten v.a. bei weiblichen Jugendlichen Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Selbständigkeit, körperliche Bewegung und positives Körpergefühl (d.h. Sport in jeder Form und Intensität) und Förderung sozialer Gruppen (Kontakt und Unterstützung unter Gleichaltrigen) in den Vordergrund gerückt werden.

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Rückfragen & Kontakt:

Ass.Prof. Dr. Günther Rathner
Wissenschaftliche Leitung des Kongresses Essstörungen '99
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Univ.Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Spezialambulanz
Esstörungen
Tel. & Fax +43-(0)512-29 10 84
E-mail: guenther.rathner@uibk.ac.at

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