Tbc: tragische Einzelfälle, aber kein Grund zur Panik

Lungenfachärzte: Verbesserte Lebensumstände und wirksame Medikamente haben Tbc-Sterblichkeit um 300 Prozent verringert

Wien (OTS) - "Als Lungenfachärzte sind wir selten mit schweren Verlaufsformen der Tuberkulose im Kindesalter konfrontiert", sagte Dr. Kunrad Wolf, Leiter des Arbeitskreises für Tuberkulose der ÖGLUT (Österreichische Gesellschaft für Lungenerkrankungen und Tuberkulose) anläßlich des jüngsten Erkrankungsfalls in Oberösterreich. Wolf:
"Einzelne tragische Erkrankungsfälle sollten nicht dazu beitragen, die Gefahr einer neuen Tbc-Epidemie heraufzubeschwören".

Die nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände (Wohnverhältnisse, Ernährung und Hygiene) sowie die Einführung wirksamer Medikamente Anfang der 50er Jahre haben in den letzten 130 Jahren zu einem Rückgang der Tbc-Sterblichkeit um das 300fache geführt.

Erkrankungszahlen rückläufig

In Österreich zeigt die Inzidenz der Tbc-Erkrankungen in den letzten 20 Jahren eindeutig rückläufige Tendenz. Betrug 1980 die Gesamtzahl der Neuerkrankungen an Tbc 3,424 Fälle, waren 1998 lediglich 1,268 Fälle zu verzeichnen. In der Altersgruppe der 0 bis 15jährigen erkrankten 1998 insgesamt 45 Kinder und Jugendliche. Die tuberkulöse Meningitis (Tuberkulose der Hirnhäute) wiederum stellt eine extrem seltene Form der Erkrankung dar. In Österreich wurden seit 1995 insgesamt nur fünf solche Fälle diagnostiziert. Tbc (Erreger: Mycobakterium tuberculosis) zählt zu den meldepflichtigen Erkrankungen, weswegen die Verbreitung in Österreich gut dokumentiert ist.

Laut Klassifikation der WHO zählt Österreich zu den Ländern mit einer geringen Prävalenz von Tbc (,low prevalence country'). "Deswegen ist", so der Experte, "die ungezielte Untersuchung bestimmter Bevölkerungsgruppen, beispielsweise von Kindergärten oder Volksschulkindern, eine sinnlose Tätigkeit". Wolf weiter: "Man muß die Tbc dort suchen, wo sie vorkommt". Seiner Ansicht nach sei es viel wichtiger, eine bereits diagnostizierte Tbc mit den entsprechenden Medikamenten (Tuberkulostatika) konsequent für die Dauer von sechs bis neun Monaten zu behandeln und diese Therapie auch zu überwachen.

Weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Tbc-Erkrankung laut dem Experten sind die aktive Suche nach frisch Infizierten mit Hilfe von sogenannten Umgebungsuntersuchungen (Kontaktpersonen der erkrankten Person) sowie das Erfassen von Tbc-Erkrankungen in Risikogruppen (wie beispielsweise Obdachlose, Personen im Gesundheitswesen mit hoher Ansteckungsgefahr, Häftlingen und Zollwachbeamten).

Dabei kommen Röntgenuntersuchungen der Lunge ("Schirmbilduntersuchungen") sowie Hauttests (Tuberkulinprobe) zum Einsatz. Allerdings ist dieser nicht zu 100 Prozent zuverlässig, da seine Aussagekraft davon abhängt, ob der Betreffende schon einmal mit Tuberkulosebakterien in Kontakt gekommen ist. Wird dieser Test ungezielt eingesetzt, ist häufig mit falsch positiven Resultaten zu rechnen (eine Tbc-Erkrankung wird irrtümlich angezeigt, obwohl nicht vorhanden). Dies beruht darauf, daß bereits früher ein Kontakt mit sogenannten Umwelt-Mykobakterien stattgefunden hat. Der Tuberkulintest bedarf einer sehr sorgfältigen Anwendung und Ablesung; seine Interpretation setzt Erfahrung voraus.

Lungenfachmann Wolf: "Der vielfach befürchtete Wiederanstieg der Erkrankungshäufigkeit der Tbc einerseits im Rahmen von HIV-Infektionen, andererseits durch die ,Ostöffnung' ist nicht eingetreten. Jedoch ist es im Gefolge der Kriege auf dem Balkan bei Menschen aus diesen Ländern zu einem vorübergehenden Anstieg der Erkrankungshäufigkeit gekommen, was sich auch in Österreich dokumentieren läßt".

Um die Effektivität der Tbc-Bekämpfung in Österreich weiter zu erhöhen, fordern die Experten die Überwachung der Therapieergebnisse bei erkrankten Personen, zielgerichtete Umgebungsuntersuchungen, eine klare Definition der Risikogruppen, die auf epidemiologischen Untersuchungen basieren, sowie den Einsatz modernster molekularbiologischer Methoden bei der Diagnostik und Epidemiologie der Tuberkulose (Polymerase-Kettenreaktion und DNA-Fingerprinting).

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