Die Presse-Kommentar: Der strategische Coup von Andreas Schwarz

Ausgabe vom 24.11.99

Wien (OTS) - Wenn es um Verschwörungstheorien zur Rechtfertigung eigenen Verhaltens geht, war die russische Führung um Ideen nie verlegen: In Tschetschenien zum Beispiel führt man einen Eroberungskrieg, weil fanatische Islamisten angeblich die Existenz der Russischen Föderation bedrohen. Und Schuld am russischen Dilemma ebendort, so hat es Verteidigungsminister Igor Sergejew wiederholt beklagt, seien die Amerikaner, die ein vitales Interesse an einer ständigen Unruhe in Rußlands Süden hätten.

Nun hält beides so selbstverständlich nicht. Für die Urheberschaft der Bombenanschläge in Moskau, die als Beweis für die islamistische Gefahr angeführt werden, hat es nie einen Beweis gegeben - und nicht einmal der würde den laufenden Vernichtungsfeldzug gegen Grosny rechtfertigen. Und Washington weiß seit Afghanistan nur zu gut, daß sich Destabilisierungspolitik mit einem unzuverlässigen Partner nur allzu rasch gegen die eigenen Interessen wenden kann. Regionen im Süden des einstigen Weltmacht-Widerparts ist enorm, und im Wettbewerb mit den Interessen Moskaus hat Washington erst dieser Tage beim OSZE-Gipfel einen historischen Erfolg davongetragen: Die Fixierung der Pipeline-Verträge zwischen Georgien, Aserbaidschan und der Türkei, die den Weg von Öl und Gas aus der kaspischen Region zum Mittelmeer ebnen sollen, ist ein Strategie-Coup der Sonderklasse. Denn unter kräftiger Stabführung der Amerikaner ist es gelungen, Moskau und Teheran, die gerne an der Schaltstelle für das Öl aus dieser Region säßen, auszuschalten. Weder fließt das schwarze Gold der Kaspi-Region künftig durch das instabile Rußland (es hätte das durch Tschetschenien tun müssen, was Rußlands Brachial-Interesse an der abtrünnigen Republik durchschaubar macht); noch fließt es durch den Gottesstaat Iran, dessen vorsichtige Öffnung noch lange kein Garant dafür wäre, daß die Mullahs ihre Macht über den Ölhebel nicht doch einsetzten.

Demenstprechend verbittert waren die Reaktionen aus Moskau und Teheran auf den Deal. Beide wiesen _ nicht zu Unrecht wohl _ darauf hin, daß es ökonomisch sinnvollere Lösungen als die in Istanbul beschlossenen, schwer finanzierbaren und auslastbaren Pipelines gegeben hätte. Aber in einem hat Sergejew recht: Das Interesse der USA an den ber Profit allein spielte bei der Entscheidung eben keine Rolle.

Das, wie gesagt, ist Nahrung für Verschwörungstheorien wie jene des Igor Sergejew. Nur, daß das Interesse der Amerikaner weniger eine Instabilität der Region ist, sondern der Aufbau verläßlicher Partner im Süden Rußlands _ von einem prowestlichen Gürtel an der Südflanke Rußlands, von der Türkei bis nach China ist immer öfter die Rede, und prowestliche Politiker in Georgien oder Aserbaidschan setzen ihre Hoffnung auf Wohlstand immer deutlicher auf die Verbindung zu Washington, weil jene zu Moskau ihn nicht bieten kann. In dieser Strategie Washingtons sind noch zahllose Ungewißheiten, gewiß, vom islamischen Fundamentalismus in Zentralasien und im Nordkaukasus über Unvorgesehenheiten wie jüngst die Morde im Parlament Armeniens, die eine gar nicht mehr so unwahrscheinliche Berg-Karabach-Lösung zwischen Armenien und Aserbaidschan wieder aufgeschoben haben. Aber die Zielrichtung ist eindeutig. Washington jedenfalls hat viel investiert in das beschlossene, aber noch weit von der Realisierung entfernte Ölprojekt. Auch die übergroße Fürsorge für den am Ende dieser Strecke unverzichtbaren Partner Türkei _ Stichwort:
unverhältnismäßiges Drängen auf einen EU-Beitritt Ankaras _ wird unter diesem Gesichtspunkt immer verständlicher. Daß all das den Umgang mit Moskaus Agieren, etwa in Tschetschenien, nicht leichter macht, auch

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