DIE PRESSE: Eine Chance für Kroatien (von Irene Miller)

Ausgabe vom 23.11.1999

Wien (OTS)- Kroatiens Staatsgründer und Präsident liegt im sterben, die anstehenden Parlamentswahlen stehen in Frage, das ganze Land wirkt paralysiert. Hinter den Kulissen aber setzt die politische Elite den Machtkampf fort. Statt eines bloßen, wenn auch erbitterten Wahlkampfes wird nun ein Existenzkampf bis aufs Messer geführt.

Innerhalb von Tudjmans HDZ schwankt man zwischen kaltem Putsch -also dem Plan, unter Umgehung der Verfassung vom Parlament, wo man noch die Mehrheit hat, einen Nachfolger für Tudjman wählen lassen -und Verfassungstreue. In diesem Fall würde der Parlamentspräsident mit Tudjmans Funktionen betraut, und die für 22. Dezember vorgesehene Wahl könnte stattfinden, wenn auch mit ein bißchen Verspätung; die Verfassung gestattet eine Verschiebung bis Jänner.

Bei der Opposition geht es demokratischer zu: Hier sucht man vor allem nach jener Persönlichkeit, die das Volk in die Zeit nach Tudjman führen könnte. Bei aller Demokratie aber ist die Uneinigkeit der Opposition ein Nachteil, umso mehr, als die Abrechnung der Wähler mit dem Regime dank eines Mitleid-Effekts durchaus schwächer ausfallen könnte als erwartet.

Die Zeit nach Tudjman stellt für Kroatien aber eine große Chance dar, die, falls versäumt, so bald wohl nicht wiederkommt: Das Land könnte sich jetzt von seiner halbautoritären Vergangenheit lösen, die von Europa kritisierten Fehler der vergangenen Jahre hinter sich lassen, in die Zukunft schauen. Tudjman hatte seine historische Aufgabe, aber sie ist vorbei, seit Jahren vorbei. Die HDZ jetzt an der Macht zu lassen, würde Kroatien nur weiter in die Vergangenheit treiben.

Die Zukunft hingegen liegt in Europa, Europa aber hinter einer Barriere, die erst aufgehen wird, wenn Zagreb Reformbereitschaft erkennen läßt. Die Rückkehr der serbischen Flüchtlinge sollte erleichtert, die Pressefreiheit verwirklicht, die Kroaten in Bosnien und in der Herzegowina als Brüder, aber auch als Bürger eines anderen Staates betrachtet werden. Tudjmans Herzegowiner mit ihren mafiosen Strukturen und egoistischen Absichten werden das wohl nicht tun.

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