Peymann im Interview zu den Wahlen, zu Haider, Klima, Schlögl, österreichischen Nazis und der hiesigen Kulturpolitik

Wien (OTS) - Claus Peymann, 62, ehemaliger Burgtheaterdirektor und designierter Intendant des Berliner Ensembles, äußert sich erstmals zum Ergebnis der österreichischen Nationalratswahlen und findet auch deutliche Worte zur hiesigen Kulturpolitik. In einem Interview für die morgen erscheinende Ausgabe des Wochenmagazins NEWS analysiert Peymann in aller Schärfe die politische Lage: "Schlögl ist schlimmer als Haider" - "Haider ist in aller Scheußlichkeit seiner Aussagen der einzig Glaubhafte" - "Bundestheater-Werkstätten sind FPÖlastig" -"Nitsch ist Blutsuppe von gestern" - "Daß Klima die dilettierende Autorin Pluhar zur Kunstministerin machen will, zeigt, daß ihm Kunstbelange wesensfremd sind".

Zur politischen Lage nach der Wahl: "Österreich ist mir sehr fern geworden in diesen drei Monaten, und spätestens, seit ich im Sommer in New York war, ist Wien von meinem Horizont verschwunden. Dennoch ist die Situation für jeden politisch bewußten Mitteleuropäer alarmierend. Es ist eingetreten, was Thomas Bernhard, Peter Turrini, Elfriede Jelinek, Peter Handke und viele andere als Menetekel an die Wand gemalt haben und was auf gut österreichisch immer hinwegignoriert wurde: ein unregierbares Land im Herzen Mitteleuropas, weil eine rechtsradikale Partei die bessere Taktik hatte. Ich selbst hatte mein bedrohliches Erlebnis in Klagenfurt. Ein Taxler dort ließ mich wissen, ich hätte noch einmal Glück gehabt ("Sie san a Glückspilz"), daß ich mich rechtzeitig abgesetzt habe. Denn mir müsse ja wohl klar sein, was mir passiert, wenn der Haider Jörgl kommt. Ich habe mich gefragt, ob ich zur Polizei fahre oder dem Mann die Fresse poliere, habe aber der Sicherheit halber lieber Witze gemacht."

Über Haider: "Der Aufstieg Haiders ist eher die Schwäche der anderen. Das Problem über all die Jahre war: Man hat beschlossen, ihn zu ignorieren, und sich mit ihm daher nicht ernsthaft auseinandergesetzt. Andererseits hat man einen ständigen Schattenkampf gegen ihn geführt und ihm so ununterbrochen in die Hände gespielt. Ich habe immer gewußt, daß der Mann eine politische Begabung und zugleich ein hervorragender Schauspieler ist. Man sollte versuchen, ihn als Bösewicht zu engagieren - obwohl, als Richard III. holt er den Voss nicht ein. Er wollte übrigens immer ein Podiumsgespräch mit mir. Da man von mir behauptet, daß ich das falsch Theatralisierte rasch sichtbar mache, könnte ich Haider relativ schnell nackt aussehen lassen. Ich bin jemand, der Gegner annimmt und demaskiert. Ich dämonisiere nicht, sondern zeige gern den Dämon in seiner Unterhose als den ewigen österreichischen Spießer, der Jörg Haider zweifelsohne auch ist. Seitens der Politik hat man das versäumt. Statt dessen macht die SPÖ ständig eine andauernd an Haider orientierte, zunehmend rechtslastige Politik. Daß nun die Kälber ihren Schlächter selber wählen, ist die tragische Realität. Wissen Sie, daß in den Werkstätten der Bundestheater 35 Prozent der Mitarbeiter die FPÖ-Gewerkschaft gewählt haben? Genau wie bei der Polizei. Diese Haider-Wähler repräsentieren doch genau jenen Typus des mit allen sozialen Privilegien ausgestatteten Arbeiters und Angestellten, den er als erstes abschaffen will."

Über die Koalitionsparteien: "Nur mit dem österreichischen Masochismus ist das alles nicht zu beantworten. Es hat auch mit dem Gefühl des allgemeinen Stillstands zu tun. Schüssel und Klima und viele andere haben keine Glaubwürdigkeit, verhalten sich wie Talkmaster und Schönredner. Ein Mann wie Haider hat da mehr persönliche Glaubwürdigkeit für all die Scheußlichkeiten, die er von sich gibt. Bei der Abschlußdiskussion der Parteichefs im Fernsehen sah ich nur Vorspieler und Taktierer. Ausgenommen Haider und vielleicht noch die verzweifelte Heide Schmidt."

Weitere Auszüge aus dem Interview:

NEWS: Halten Sie es mit Peter Turrini und Gerhard Roth, die meinen, fünfzig Prozent der Österreicher hätten Nazi-Gedankengut in den Köpfen?

Peymann: Sie brauchen nur in Thomas Bernhards "Heldenplatz" nachzulesen. Dort steht alles über Österreich und seine Nazis.

NEWS: "Sieben Millionen Debile und Tobsüchtige"?

Peymann: Wir wollen jetzt nicht mit der Prozentrechnung beginnen. Das Schlimmste ist, wenn die Träume und Utopien einer Gesellschaft verlorengehen. Wenn Leute wie Handke, Bernhard und Jelinek als zornige Propheten predigen und verzweifeln, weil keiner auf sie hört. Die gesellschaftliche Betonierung ist in Österreich seit langem im Gang. Das frißt sich fest wie eine alte Kurbelwelle. Der gesellschaftliche Aufbruch ist Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre mit der hier üblichen Verspätung eingetroffen - in der Subkultur, in der Gastronomie, in der Kunst, im Burgtheater. Kurioserweise war es sogar möglich, daß ein Künstler wie Nitsch, der die Blutsuppe von gestern aufgewärmt hat, vom Establishment als Aufbruch empfunden wird. Da krempelt dann ein alter Mann noch einmal die Hemdsärmel auf und spritzt mit Blut, bis hinüber in den cleanen Salon der Staatsoper des Herrn Holender. Ich bin davon überzeugt, daß in Österreich das Biedermeier wiederkehrt. Nicht nur in der Kunst.

NEWS: Wenn Haider mit dem Plakattext "Stop der Überfremdung", Wahlen gewinnt, ist das mit "Biedermeier" nicht zu umschreiben.

Peymann: Ich will das nicht immer nur an einer Person festmachen. Vielleicht ist ein Mann wie Schlögl viel gefährlicher als Haider, weil er deutlicher den allgemeinen Niedergang symbolisiert. Ich orte eine Art seismographischen Zitterns in der geschönten Fassade der Menschen, die in Wahrheit eine Fratze ist. Bedenken Sie, was dem Volksliebling Juhnke in Berlin passiert ist: Er hat im Beiprogramm eine schwarze Soul-Sängerin, und die gefällt den Leuten nicht, weil sie nur den Juhnke sehen wollen. Also wird sie als Negerhure ausgepfiffen. Rassismus!

NEWS: Ist die SPÖ auch an ihrer Kulturpolitik gescheitert?

Peymann: Auch in der Kulturpolitik, falls es eine solche noch geben sollte, hat man klein beigegeben. Man hat sich sehr schnell den Peymann abgeschminkt und zuletzt auch den Mortier, die beide nicht in das gewünschte Österreichbild passen. Wir haben ihnen den Gefallen getan und sind gegangen. Ich lese jetzt, daß Klima daran denkt, Frau Pluhar zur Kunstministerin zu machen, eine gewesene Schauspielerin und dilettierende Literatin, die dreizehn Jahre lang an einem Theater geblieben ist, an dem ihrer Meinung nach Nazi-Methoden geherrscht haben (Erika Pluhar nannte Peymann einen "zutiefst faschistoiden Geist", Anm.). Nach dem sympathischen, aber überforderten Wittmann jetzt also die charmante Variante. Das zeigt, daß Klima die Kulturbelange schlicht wesensfremd sind. Aber selbst in diesem Fall kenne ich keinen Grund zur Schadenfreude.

NEWS: Aber Sie hatten in Österreich doch genügend Feinde. Auch unter den Künstlern.

Peymann: Es ist doch vollkommen unerheblich, daß ein paar Ewiggestrige wie Muliar und andere Lemuren da herumgestänkert haben. Für mich war Muliar immer die Bestätigung, daß wir es richtig machen. In dieser Rolle habe ich ihn gern besetzt, er hat sie gern übernommen und gern und großartig gespielt. Dafür auch von Berlin aus noch ein Dankeschön und ein herzliches Vergeltsgott. Unser Publikum aber hat, über das ästhetisch Gelungene, und natürlich auch Mißlungene hinweg, die Grundgebärde unserer Theaterarbeit verstanden: als eine Verschwörung gegen den herrschenden Ungeist, gegen die herrschende Politik, gegen das herrschende System und die vorherrschende Ästhetik. Wir alle waren Don Quijotes in unserer Verschwörung für das Gute und in unserem Wahn, die absolute Perfektion zu finden und nicht im Establishment zu versumpfen. Ein derartiges Grundeinverständnis kann nur unter Künstlern erwachsen, nicht bei Managern.

NEWS: Mortier, dem man dieselben Tugenden nachsagt, ist aber gleichfalls Manager.

Peymann: Der ist ein Kunst-Groupie, ein Liebender, der sich seiner Beliebtheit nie schämt. Die macht ihn scheinbar klein, aber dadurch hebt er die Künstler hoch. Das ist seine große Passion, die ihn treibt. Und wenn es jemanden gibt, der mich irgendwann zur Oper verführt, so ist es der Mortier, der das im übrigen seit zwanzig Jahren versucht.

NEWS: In Berlin wird es für Sie nun härter als im geschützten Theaterbiotop Wien.

Peymann: Ich freue mich darauf, weil die Theaterlandschaft viel interessanter ist als Wien mit dieser immer etwas lähmenden guten alten Tante "Josefstadt" und dem immer dem Höheren verpflichteten Volkstheater der Emmy Werner, das letztlich immer wieder an der eigenen (auch materiellen) Unzulänglichkeit gescheitert ist. Und das über endlose zehn Jahre hin.

Das komplette Peymann-Interview finden Sie unter der News-online-Adresse: www.news.at

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